Moderation des Abschlussabends 6. Jahrgang Bronnbacher Stipendium

von Sascha Melchert

Einleitung

Vor etwa zwei Wochen habe ich diesen Brief erhalten. An mich adressiert, in meinem Briefkasten – so weit, so gut – aber, und hier setzte meine Verwirrung, meine Irritation ein, geschrieben in meiner eigenen Handschrift. Was hatte das zu bedeuten? Warum sollte ich mir selbst einen Brief – und warum erinnerte ich mich nicht daran?

Ich weiß nicht, ob sich jemand von Ihnen, von Euch, jemals selbst einen Brief geschrieben hat. Und das dann auch noch vergaß. (Pause) Aber das Gefühl, welches in diesem Moment entsteht, ist unvergesslich. Das Gefühl, dass für einen Moment, für einen Augenblick der scheinbar untrennbare Gegensatz von Sender und Empfänger, von Gebendem und Nehmendem, von Erschaffer und Betrachter aufgelöst, überwindbar wurde – ein scheinbares Paradox, und doch war es da – war es Unbehagen? Oder nur Überraschung darüber, dass meine heile, funktionierende Welt für einen kitze-kleinen Moment in ihrer Stabilität erschüttert wurde?

Vielleicht kann dieses Gefühl, dieses Erlebnis, als Beispiel stehen für dieses vergangene Jahr, in dem wir Stipendiaten des 6. Jahrgangs des Bronnbacher Stipendiums immer wieder die sichere Position des Empfängers, des Betrachters, verlassen mussten, selbst zu Sendern, zu Schaffenden wurden und - darüber hinaus - in der Auseinandersetzung mit der Kunst, mit den Entstehungsprozessen und in der Interaktion mit den Künstlern immer wieder Fuß setzten in diesen Zwischenraum, an diesen Ort, dieses Paradox, wo wir zu Sendern und Empfängern, zu Produzenten und Konsumenten gleichermaßen wurden, und gleichzeitig uns auf ein Abenteuer einlassen konnten – durften – mussten: ein Abenteuer, dessen Ausgang ungewiss war.

Einen wunderschönen guten Abend allerseits! Vielen Dank an für die einleitenden Worte. Wir möchten Sie und Euch alle auch von Seiten des aktuellen Jahrgangs noch einmal ganz herzlich begrüßen und unsere Freude über Ihr so zahlreiches Erscheinen zum Ausdruck bringen. Wir freuen uns besonders, aufgrund des unermüdlichen Einsatzes von Herrn Reinmann-Dubbers und Dr. Jürgen Schneider Sie hier heute in diesem prächtigen Raum zu empfangen, der dem Anlass sicher mehr als gerecht wird. Ich darf uns vorstellen: mein Co-Moderator ist Florian Boland und mein Name ist Sascha Melchert, und wir haben die große Ehre, Sie durch den heutigen Abend geleiten zu dürfen.

Ein Jahr liegt hinter uns. Ein gemeinsames Jahr, in dem wir an 12 Wochenenden und an vier Abenden in der Auseinandersetzung mit den unterschiedlichsten Kunstformen, Künstlertypen und Kulturschaffenden eine Menge besonderer Erfahrungen machen, Einblicke und Eindrücke sammeln, Erlebnisse haben durften, an denen wir Sie alle heute Abend teilhaben lassen wollen. Ein Jahr, in dem aus einer Gruppe sich weitgehend fremder Studenten unterschiedlicher Fachrichtungen eine Gruppe, eine Gemeinschaft entstanden ist. Ein Jahr, das für jeden von uns auf ganz individuelle Weise etwas Besonderes war, vielleicht lehrreich, vielleicht eine Chance, die eigenen und bekannten Sicht- und Denkweisen sich zu vergegenwärtigen, zu überprüfen, neu zu bewerten. Eine Horizonterweiterung, im wahrsten Sinne des Wortes.

Ich möchte an dieser Stelle auch die Gelegenheit nutzen, unser aller Dank zum Ausdruck zu bringen. Unseren Dank für die unermüdliche Organisationsleistung von Seiten des Kulturkreises, für die sich größtenteils Frau Annerose Müller verantwortlich zeichnet; unseren Dank für die ideelle und gestalterische Leitung und Begleitung durch unseren Kurator, Herrn Konstantin Adamopoulos, und, im ganz Besonderen, unseren Dank für die materielle Unterstützung durch den Kulturkreis und alle Förderer, private Personen und Unternehmen, von denen einige heute in Person oder als Repräsentanten anwesend sind. Vielen Dank.

Bevor ich nun das Wort an meinen Co-Moderatoren weitergebe, der Ihnen einen Ausblick über das heutige Programm geben wird, möchte ich noch einmal an den Anfang dieses Stipendienjahres zurückkehren, das mit einem Wochenende im Kloster Bronnbach begann. Denn hier habe ich ihn verfasst – und an mich adressiert, jenen Brief, den ich Ihnen einleitend vorstellte. So wie jeder andere der Stipendiaten, die heute hier sind, haben wir uns noch vor Beginn dieses Jahres mit sehr persönlichen Fragen befasst, zu denen gehörte: Was bedeutet Kunst für mich? Und was bedeutet Wirtschaft für mich?

Kunst: Der Moment, in dem ich mir des Alltäglichen bewusst werde; der Moment, in dem ich berührt werde; der Moment, in dem ich herausgefordert werde.

Wirtschaft: den Notwendigkeiten gerecht werden, sie gestalten und organisieren; mit dem Willen zur Veränderung ist sie belebbar.

--Programm—

Abschluss

Eine ganz zentrale Frage des vergangenen Jahres beschäftige mich, beschäftigte uns immer wieder:

Ist das denn Kunst?

Gerade in Hinblick auf die zeitgenössische Kunst, die im Zentrum der Aufmerksamkeit des Kulturkreises und somit auch des Bronnbacher Stipendiums steht, ist diese Frage unumgänglich, ja, unvermeidbar. Und im Gegensatz zu früheren Kunst- und Kulturepochen, für die es festgeschriebene Wertekataloge gibt, die uns als Maßstab für die Wertigkeit einzelner Kunstwerke dienen, mit Merkmalstabellen und Jahreszahlen, ist diese Frage, Ist das denn Kunst?, heute oft viel schwerer zu beantworten – oder die Antworten sind widersprüchlicher, komplexer. Denn Kunst will nicht einfach nur gefallen; Kunst will ansprechen, provozieren, wecken, kommunizieren, in Interaktion treten oder einfach nur sein.

 

Aber warum ist das denn Kunst? Es ist nicht schön, es ist nicht wohlklingend, es hat keinen Nutzen – und wer bestimmt eigentlich, was Kunst ist, wo die Grenze verläuft zwischen Kunst und Kitsch, Kunst und Ramsch? Wer besitzt die Deutungshoheit?

So anmaßend, so vermessen das klingen mag: ein Stück weit wir alle. Wenn wir bereit sind, uns zu öffnen, uns auseinanderzusetzen, in den Dialog zu treten, bereit zu akzeptieren, dass es andere Wahrheiten gibt neben der unseren. Andere Wege, die beschreitbar sind, andere Denk- und Sichtweisen. Andere Ausdrucksformen. Und wenn wir uns einlassen, uns öffnen, uns hingeben. dann kann es uns gelingen, Einblick zu erhalten. Teil zu haben. Vielleicht sogar zu verstehen.

Ich glaube sagen zu können, dass jede und jeder von uns Erfahrungen im vergangenen Jahr gemacht hat – machen durfte –, von denen die eine oder andere – und hoffentlich immer mehr – so oder ähnlich war. Etwas verändert hat sich in uns drinnen. Und uns ein Bewusstsein gegeben dafür, dass Kunst und Kultur nicht immer mit einer einfachen Kosten-Nutzen-Gleichung zu bewerten sind. Dass Kunst und Kultur sein dürfen, sein müssen, und dass wir für ihr Fortbestehen verantwortlich sind, Verantwortung mittragen. Ideell. Und vielleicht und hoffentlich eines Tages auch materiell.

Zu diesem Bewusstsein hat das Bronnbacher Stipendium für uns alle einen wertvollen Beitrag geleistet. Einen Samen gepflanzt, der mit sorgfältiger Hege und Pflege in uns keimen, wachsen, reifen und Blüte tragen wird.

Wir hoffen, dass es uns gelungen ist an diesem heutigen Abend, Sie teilhaben zu lassen. Sie darin bestärkt zu haben, diesen wertvollen Prozess weiter zu unterstützen – ob ideell oder materiell – und dass wir der kommenden Generation einen Ausblick geben konnten darauf, was sie erwarten wird. Wir sind am Ende angelangt – aber der Abend ist noch nicht am Ende, denn wir möchten jetzt die Bühne räumen für unsere Honoratioren, die uns jetzt gleich mit der Überreichung der Urkunden noch einmal greifbar machen, was wir im vergangenen Jahr erleben durften. Vielen Dank!

Ein Bronnbacher Erlebnis-Bericht

von Eva Gredel

Kunst, Wirtschaft und Politik werden oftmals als unabhängige, entgegengesetzte Domänen in der Gesellschaft verstanden. Die Bronnbacher Idee geht jedoch davon aus, dass Wirtschaft und Politik selbst zur Kultur gehören und somit Kultur mitgestalten. Ich selbst bin gewählte CDU-Politikerin und Studierende an der Universität Mannheim. Die partnerschaftliche Auseinandersetzung von Wirtschaftswissenschaftlern, Politikern und Künstlern haben sich für mich während des Stipendiums als zutiefst prägend erwiesen. Das gemeinsame Gestalten von Arbeitsprozessen mit Künstlern während der 12 Wochenenden vor dem Hintergrund übergeordneter Fragestellungen und das gegenseitige Ermutigen in diesen Begegnungen eröffnete mir als Stipendiatin des 6. Jahrgangs völlig neue Perspektiven Wie sah nun eine solche Begegnung aus?

„Intervention“ mit Merlin Bauer: ein Plädoyer für bürgerschaftliche Initiative

„Denn die gebaute Umwelt und ihr Sinn entstehen durch einen konfliktreichen Prozess zwischen den Interessen und Werten einander entgegengesetzter Akteure.“ (Manuel Castell, Soziologe)

Merlin Bauer hinterfragt mit seinem Projekt „Liebe deine Stadt“ die Kölner Identität. Karneval, Kölsch, die Brauhäuser: Das sind die Wahrzeichen der Stadt, betrachtet man die gebauten Stadt beschränkt sich die Identifikation zumeist auf den Dom. Das Projekt Merlin Bauers will den Blick für die städtebauliche Geschichte der 50er und 60er Jahre schärfen und dabei die Identitäsfrag auch an uns stellen.

Mit seinem auffälligen rot-weißen Kasten-Fahrrad sucht er Kölns „Un-Orte“ auf, die sich nicht in die aktuelle Ästhetik städtebaulicher Moden einfügen, aber dennoch stark die Atmosphäre und somit auch die Einzigartigkeit Kölns prägen, wie z.B. das Riphahn-Ensemble (u.a. das Schauspielhaus). Im Gespräch mit Merlin Bauer wurde schnell klar, städtische Bauten müssen aus ihrem Kontext heraus „verstanden“ werden. So zeichnet sich das Foyer des Schauspielhauses durch seine filigrane Gestaltung aus und die „Schlitten“ sind ein faszinierendes architektonisches Element. Dies entdeckt man aber nur, wenn man sich dem Ensemble mit offenen Augen nähert.

Für mich war das Wochenende mit Merlin Bauer ein Impuls, meine eigene Perspektive als Kommunalpolitikerin durch Künstler und Bürgerinitiativen zu relativieren, um noch mehr die Vielfalt möglicher Sichtweisen zuzulassen.

Bronnbacher Stipendium: Nicht einjähriges Programm, sondern lebenslange Aufgabe

Natürlich vermittelte das Bronnbacher Stipendium mit den Wochenendveranstaltungen Einblicke in und die Begeisterung für verschieden Kunstrichtungen – die Referenten formulierten oftmals so pointiert ihren Werdegang oder die Werkgenese ihre Kunstobjekte, dass nach den Wochenenden der Eindruck blieb, bereits seit Jahren in einer Stadt zu wohnen, einen Künstler schon immer zu kennen oder eine Kunstrichtung völlig erlebt zu haben. Unabhängig von den einzelnen Techniken oder Ausrichtungen der Künstler wurde schnell klar, dass es gilt, sich von stereotypen Bildern der Künstler und Kunst zu lösen. Jeder Künstler war auf seine Weise diszipliniert und stand in ständiger Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Strukturen mit dem Ziel durch Verfremdung, Intervention oder andere Verfahren Gesellschaft künstlerisch zu gestalten. So bleibt für mich einerseits das „künstlerische“ Wissen, aber darüber hinaus das Wissen um die Notwendigkeit, das eigene Leben nicht reaktiv passieren zu lassen, sondern es vielmehr proaktiv anzunehmen, um immer wieder aus alltäglichen Denkmustern auszubrechen und Gesellschaft kulturell, politisch oder unternehmerisch zu gestalten. In diesem Sinne bin ich mir sicher, dass für uns – die Stipendiaten des 6. Jahrgangs - die Bronnbacher Idee, nicht räumlich auf Mannheim und nicht zeitlich auf ein Jahr begrenzt bleibt, sondern dass aus dem einjährigen Stipendium durch unser Wirken eine Bronnbacher Bewegung wird.

 

Konsequenzen aus dem Bronnbacher Stipendium – Gedanken zur Bronnbacher Idee

 

Von Iria Budisantoso und Christoph Sextroh

 

Nach einem Jahr voller Begegnungen und Konfrontationen im Rahmen des Bronnbacher Stipendiums ist es vielleicht an der Zeit sich mit zentralen wenngleich bisher kaum diskutierten Frage zu beschäftigen: Was ist eigentlich dieses Bronnbacher Stipendium? Oder besser: Was ist die Bronnbacher Idee?

Auf den ersten Blick bietet das Bronnbacher Stipendium die Möglichkeit, Kunstschaffende kennen zu lernen und darüber einen Zugang zu Kunst und Kultur zu erhalten oder diesen zu erweitern. „Kulturelle Kompetenz für künftige Führungskräfte“ lautet so auch das Motto des Stipendiums. Im Rahmen des Stipendiums nähern sich die Stipendiaten dabei auch den komplexen Interdependenzen zwischen den Sphären Kunst, Kultur, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Ein gutes Beispiel ist unser Besuch beim Künstler Merlin Bauer in Köln und die Auseinandersetzung mit seinem Kampf um die Erhaltung des Kölner Opern- und Schauspielhauses, wo sich uns diese existierenden Spannungen und Wechselwirkungen innerhalb der gesellschaftlichen Wirkungssphären von Kunst bis Gesellschaft sehr klar gezeigt haben.

Das Bronnbacher Stipendium ist jedoch viel mehr als „nur“ das Kennen lernen und Erfahren von Kunst. Doch was genau ist dieses „mehr“? Bereits am Beispiel unserer Begegnung mit Merlin Bauer lassen sich zwei Schlagwörter zu diesem „mehr“ beschreiben. Perspektive und Engagement. Wir haben nicht nur gelernt, uns mit Perspektiven auseinander zu setzen, was alleine schon ein immens wichtiger Effekt ist, sondern wir haben gelernt, Perspektiven und Standpunkte zu erkennen. Dies klingt zunächst so selbstverständlich. Wenn man sich jedoch einmal bewusst in seinem Umfeld und Zeitgeschehen umsieht, dann wird schnell klar wie schwierig und gleichzeitig wichtig dieses Erkennen ist. Darüber hinaus haben wir erlebt, mit welchem Feuer und mit welchem Aktionismus viele Künstler eine Idee formen und für diese eintreten. Dieses tiefe und offene Engagement für eine bestimmte Sache ist nicht nur beeindruckend, sondern auch etwas von dem wir für unseren Alltag nur lernen können.

Tatsächlich bietet das Stipendium eine einzigartige Möglichkeit, sich für Neues zu öffnen, sich darauf einzulassen, es zu erfahren und dies alles in einem relativ geschützten Raum. Einem Raum, in dem jeder nur ein sehr geringes persönliches Risiko eingeht. Wo in unserem Alltag, im Studium oder im Berufsleben können wir uns öffnen und Neues geschehen lassen ohne dabei ein Risiko einzugehen – sei es ein Risiko, zu viel von sich preis zu geben, oder ein geschäftliches Risiko. Die Erfahrungen in diesem geschützten Raum des Bronnbacher Stipendiums lassen sich jedoch noch weiter konkretisieren. Im Speziellen gehören dazu Wahrnehmung, Diskussionskultur, Verantwortung, Persönlichkeit und Bewusstsein.

Der bereits genannte Begriff der „Perspektive“ ist schon stark verknüpft mit dem Begriff der Wahrnehmung. Wir haben Kunst erleben dürfen an Orten, welche uns im Alltag nicht als Kunst aufgefallen wären. Dinge, die wir als selbstverständlich hingenommen haben, wurden auf einmal aus einer ganz anderen Sicht beleuchtet. Alte Wahrnehmungen wurden verschoben, hin- und her gerückt und neue Wahrnehmungen kamen hinzu. In diesen Prozessen spielte auch unser Kurator Konstantin eine bedeutende Rolle. Er half uns aus unseren vertrauten Wahrnehmungsmustern auszubrechen und sorgte dafür, dass wir uns immer wieder selbst hinterfragten. Mit jedem Wochenende wurde unsere Wahrnehmung so immer wieder auseinander gebrochen, neu zusammengesetzt und hat sich auf diese Weise stetig weiter entwickelt. Begleitet wurde dieser Prozess von Verwirrung, Verwunderung, Unverständnis und  ganz besonders von einer stetigen inneren Unruhe, jedoch im positiven Sinn. Diese Unruhe ist ein Kernelement des Stipendiums, völlig individuell und daher schlussendlich leider nicht vollkommen zu erfassen, zu begreifen oder eben auch zu erklären. Wenn man aber mit einem Bronnbacher spricht und einem dabei eine Neugier oder gar ein Brodeln und Lodern auffällt, dann ist dies sicherlich diese positive Unruhe von der wir hier sprechen.

Diese innere Unruhe bzw. der innere Konflikt führt so auch zu einem regen Austausch untereinander und zu vielfältigen Diskussionen in der Gruppe. Altes, Bekanntes, Vertrautes wird einem bei jeder Begegnung in gewisser Weise weggenommen – entfremdet durch Perspektivverschiebungen. Der Kontakt mit den Künstlern hilft zwar sich dem „Entfremdeten“ immer wieder anzunähern, allerdings bleibt das Verständnis zunächst in einer Form des Zwischenstadiums: Es gibt kein schnelles Zurück zur alten Perspektive, doch auch das Neue fühlt sich noch nicht ganz erreicht. Trotz oder eben gerade wegen dieser Spannung zwischen vertraut und verändert ergeben sich aufreibende Fragen, denen man sich in der Gruppe versucht immer weiter und mit den verschiedensten Ansätzen zu nähern.

Über die Konfrontation mit dem „Anderen“ und dem Rütteln an unseren bisherigen „Weltbildern“ fordert das Stipendium von jedem sich selbst zu hinterfragen und dabei insbesondere auch Verantwortung für sich und sein Handeln zu übernehmen. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Person und dem eigenen Handeln wurde vielen von uns vielleicht am Mal-Wochenende mit Carsten Fock am deutlichsten vergegenwärtigt. Jeder Pinselstrich hatte eine Auswirkung auf das Endergebnis. Dies mag wieder zunächst so einfach klingen. Wenn man jedoch versucht sich in die Situation der Schaffenden zu versetzen, dann wird schnell klar, warum jeder einzelne Pinselstrich eine potentielle Krise beinhaltet. Und es wird auch deutlich, warum es so viel Überwindung und Mut kostet, aktiv zu gestalten und dabei zu wissen, dass das eigene Handeln in einer direkten Verbindung mit der möglichen Konsequenz des Scheiterns steht. Eine Folge, für die jeder einzelne seine Verantwortung zu tragen hat. Verantwortung ist damit ein weiterer Kernbaustein des Bronnbacher Stipendiums. Ein Baustein, der uns bei vielen Wochenenden begegnete, sei es die Persönlichkeit eines Thomas Hirschhorn, der sich mit politischer Kunst engagiert, oder auch nur die organisatorischen Fragen des „Wohin“, „Wann“ und „Wem werden wir begegnen?“ an den einzelnen Wochenenden.

Das Bronnbacher Stipendium regt an, nicht alles als gegeben und selbstverständlich hinzunehmen, sondern stattdessen die Dinge kritisch zu hinterfragen sowie Perspektiven zu wechseln, zu diskutieren und zu reflektieren. In den Begegnungen des Stipendiums haben wir aber auch erfahren wie wir die entstehenden Reibungen und die Unruhe in uns positiv in die Entwicklung neuer Visionen und Lösungsmöglichkeiten umsetzen und in unser Handeln einfließen lassen können. Es erweitert somit in gewissem Maße unser Bewusstsein.

Das Bronnbacher Stipendium hat uns bewegt – nicht nur, dass wir physisch an verschiedenen Orten waren, um Kunst zu sehen und uns damit zu beschäftigen – sondern es hat auch etwas in uns bewegt. Es sind einzigartige und unnachahmliche Erfahrungen, die in einem Jahr Bronnbacher Stipendium auf einen warten. All diese sind nun unsere persönlichen Schätze mit denen wir in die Berufswelt gehen, um dort Dinge aktiv und bewusst zu gestalten und uns zu engagieren immer in dem Bewusstsein dies für unsere Umwelt, für die nächste Generation, vor allem aber auch für uns und unsere Visionen zu tun.

Was ist also das Bronnbacher Stipendium nach einem Jahr Bronnbacher? Es ist die wahrscheinlich wichtigste Initiative des Kulturkreises. Warum aber sollte nun dieses Stipendium so wichtig sein? Um mit den Worten der Wissenschaft zu sprechen: Studien haben gezeigt, dass die größten Lerneffekte für Führungskräfte nur zu einem geringen Teil aus formalem Unterricht bestehen. Stattdessen sind es vor allem Erfahrungen, harte Anstrengungen verbunden mit der Erfahrung des Scheiterns und Mentoren die Führungskräfte prägen. Genau diese Punkte vereint das Bronnbacher Stipendium: Es bietet jedem einzelnen Stipendiaten ganz besondere und wertvolle Erfahrungen, in denen jeder mit viel Mut und Anstrengungen immer wieder den eigenen Standpunkt und die persönliche Haltung hinterfragt. So beinhaltet das Stipendium eben auch Erlebnisse des Scheiterns. Erlebnisse, die vielleicht erst durch die geschützte Atmosphäre des Stipendiums möglich werden und an denen jeder einzelne wachsen kann. Diese Atmosphäre ist es, die das Bronnbacher Stipendium so einzigartig und förderungswürdig machen.

Zum Abschluss möchten wir noch einmal unsere Anfangsfrage aufgreifen: Was ist eigentlich die Bronnbacher Idee? In der Konfrontation mit dem Unbekannten hat sich jeder von uns selbst besser kennen gelernt, hat jeder von uns die Welt besser kennen gelernt. Es hat in jedem von uns eine Unruhe geschaffen, die darauf wartet in der Zukunft freigesetzt zu werden. Eine Energiequelle, welche die meisten Stipendiaten vor dem Stipendium vielleicht gar nicht erahnt haben.

Und so lässt ist die wahre Idee des Stipendiums – sofern sie sich überhaupt in wenige Worte fassen lässt – annähernd zusammenfassen als die Suche und die Konfrontation mit dem Neuen, mit dem vermeintlich Unbekannten, um dabei die eigene Denkstruktur aufzubrechen, sich selbst neu zu erfahren und das Unbekannte zu Bekanntem und die Konfrontation zu neuen Perspektiven zu machen.