Handelsblatt 19./20./21. SEPTEMBER 2008 I CAROLYN BRAUN | BERLIN

Gutes Management ist eine Kunst

Ballett tanzen, Gedichten lauschen Ballett oder Bilder malen: Was BWL-Studenten von Künstlern lernen können.


Das Malerei-Wochenende wird Gudrun Paulsen so schnell nicht vergessen. Die Studentin zimmerte eigenhändig die Rahmen und bespannte sie mit 150 mal 200 Zentimeter großen Leinwänden, auf die sie dann mit Acryl Selbstporträts malte – inspiriert von einem Musikstück, das sie selbst ausgewählt hatte. Sehr schwer sei es ihr gefallen, die ersten Striche auf die Fläche zu setzen, sagt die 22-Jährige, die gerade ihr sechstes Semester in Betriebswirtschaftslehre (BWL) abgeschlossen hat. Aber dank der Anleitung des Berliner Künstlers Carsten Fock sei es dann gelungen. „Zu Beginn des Jahres hatten wir immer gelächelt, wenn uns der Kurator sagte, dass uns das Stipendium permanent überfordern wird“, sagt sie. „Aber genau so war es, eben auch an diesem Wochenende.“

Der Grund dafür, dass Gudrun Paulsen sich neben dem Studium der Herausforderung einer Riesenleinwand stellte und malte, ist das Bronnbacher Stipendium. In Mannheim – und seit einem Jahr auch in Bochum – sorgt es dafür, dass potenzielle künftige Führungskräfte zwei Semester lang regelmäßig Ballett tanzen, Gedichten lauschen oder an Filmworkshops teilnehmen. „Zu einer Persönlichkeit gehört ja mehr, als eine Bilanz lesen zu können“, sagt Jürgen Zech, Ex-Gerling-Chef und lange Jahre Vorsitzender des Kulturkreises der Deutschen Wirtschaft. Der fast 70-Jährige hat das Projekt initiiert. „Das Stipendium ermöglicht es den Studenten zu begreifen, wie kreative Prozesse ablaufen, es zwingt, sich mit gesellschaftlichen Prozessen auseinanderzusetzen.“ So eröffne sich ihnen eine neue Erlebnis- und Denkwelt.

„Mir ist klar geworden, dass ich nicht nur von Fachwissen, sondern auch von Erfahrungen profitiere – und damit meine ich insbesondere Erfahrungen jenseits der Wirtschaft“, sagt BWL-Student Gunnar Ullrich, Stipendiat des letzten Jahrgangs. Zum Beispiel, wenn Lutz Förster, Professor für zeitgenössischen Tanz an der Folkwang-Hochschule in Essen, den Studenten eine moderne Choreographie beibringt. Für Christoph Schwerdtle, ehemaliger Bronnbacher- Stipendiat und heute bei Procter & Gamble für internationales Marketing zuständig, war das ein einschneidendes Erlebnis. Hier sah er Musiker, die mit Tennisbällen quer über die Bühne auf Trommeln warfen – und dabei nicht immer trafen. Am Anfang sei es sogar oft schwierig, überhaupt anzuerkennen, dass das Kunst ist, sagt er. Aber mit der Zeit erwerbe man eine „Offenheit, die einem in der Zahlenwelt der BWL abhanden kommen kann“.

Konstantin Adamapoulus kennt diese Entwicklungen gut. „Gerade zu Beginn entsteht oft eine große Unruhe“, erzählt der Kurator des Mannheimer Stipendienprogramms. „Die Studenten fragen sich: Warum machen die das so? Das ist doch unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht effektiv und zielführend.“ Vier bis fünf Veranstaltungen brauche es, bis sich das langsam entspanne. Er gerät geradezu ins Schwärmen, wenn er über seine Schützlinge spricht. „Kolossal mutig“ sei es, sich auf diese neuen Erfahrungen einzulassen. Neugierde ist eines der Auswahlkriterien für das Stipendium. Gute Leistungen im Studium sind Bedingung, genauso wie soziales Engagement über die Vorlesungssäle hinaus: „Wir suchen Menschen, die nicht nur
konsumieren, sondern sich selbst organisieren“, sagt Adamapoulus.
„Jetzt hast du wieder das Bronnbacher Fieber“, habe seine Freundin gesagt, wenn er von einer der 14 Veranstaltungen in zwei Semestern zurückgekommen sei, erzählt Stefano Simone. „Ich war dann immer so aufgeladen, hatte mehr Fragen als vorher.“

Das Engagement koste viel Zeit, das erzählen alle Bronnbacher. „Aber ich habe da immer so viel Energie mitgenommen, das hat die Zeit wieder aufgewogen“,
sagt Stefano Simone. Für die Studenten ist das Jahr eine Bereicherung – ob sich ein weiteres Ziel erfüllen wird, steht noch nicht fest. Dafür gibt es das Stipendium noch nicht lange genug. Jürgen Zech hofft, dass die Alumni sich später in Firmen dafür einsetzen, Kunst und Kultur zu fördern. Deswegen würden die Initiatoren das Stipendium, das im Jahr etwa 80 000 Euro kostet, gerne noch an anderen Unis ausschreiben. „Das Interesse ist über Bochum und Mannheim hinaus da“, sagt Zech. „Aber die Universitäten müssen die Sponsoren selbst finden, und das stellt sich bisher schwierig dar.“

 

Die FAZ am 14. März 2008 über das Bronnbacher Stipendium

Wirtschaft und Kultur – Abschied von Schema F

Für die Betriebswirtin Miriam Rödter war es schlichtweg "das Beste an meinem gan-zen Studium". Dem Juristen Volker Kuhn ist der Ballettworkshop nachhaltig in Erin-nerung geblieben, und Oliver Spalt, ebenfalls Betriebswirt, fand die ganze Veranstal-tung einfach "super". Was die drei eint: Sie sind Absolventen des so genannten Bronnbacher Stipendiums, das angehende Führungskräfte in ihrer persönlichen Ent-wicklung fördern soll.

Sie und ihre Vorgänger stehen zwar noch am Anfang ihrer Karriere. Doch mit dem, was sie im Kloster Bronnbach im idyllischen Taubertal, in der wilden Berliner Thea-terszene, auf der Documenta in Kassel, im Gespräch mit Künstlern in Sofia, im Karls-ruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie und in Pina Bauschs Tanztheater gelernt haben, verfügen sie über einen Wettbewerbsvorteil auf ihrem Karriereweg, sagt Jürgen Zech vom Kulturkreis der Deutschen Wirtschaft im Bundesverband der Deutschen Industrie und einst Chef des Versicherungskonzerns Gerling. Er hat das Stipendium vor fünf Jahren mit ins Leben gerufen.

Kreativität für BWLer
Zwischen 12 und 18 "Bronnbacher" arbeiten zwei Semester lang studienbegleitend an sieben Wochenenden und sieben Abendveranstaltungen mit Künstlern und Kunstwissenschaftlern. Sie sollen dabei lernen, kreativ mit Fragestellungen umzuge-hen, sie nicht nur nach Schema F zu lösen, wie sie es an der Uni beigebracht be-kommen. "Betriebswirten wird an der Uni ein eher sicherheitsorientiertes Wertesys-tem vermittelt", sagt die ehemalige BWL-Studentin Rödter. Imponiert haben ihr im Stipendium Künstler, die auch wirtschaftlich alles auf eine Karte setzen, um Träume zu verwirklichen.

Die Stipendiaten bekommen Einblicke in die zeitgenössische Kunst der Gattungen Literatur, Theater, Film, Musik, Photographie, Bildende Kunst und Architektur. Das zwingt sie dazu, sich auf Unbekanntes einzulassen, Themen immer wieder von ei-nem anderen Standpunkt aus zu sehen. Anders als an der Universität hören sie nicht überwiegend Vorträge. Da heißt es dann auch schon mal, nach Einführungen eines Theaterregisseurs selbst auf der Bühne zu stehen, einen Film vom Konzept bis zum Schnitt zu erstellen oder – vermutlich mit die größte Herausforderung – das Thema Ballett praktisch umzusetzen. "Im Tanzworkshop habe ich gelernt, vor einer Gruppe etwas zu machen, früher wäre ich mir bei so etwas blöd vorgekommen", erzählt Ab-solvent Kuhn.

Zu Kunst und Kultur gehört auch Können
"Wir wollen die Stipendiaten in das für sie neue kulturelle Leben hineinstoßen, und dann sollen sie möglichst viel selbst machen", sagt Initiator Zech. In solche Situatio-nen werden sie in ihrem späteren Berufsleben noch häufiger kommen. Kulturelle Kompetenz wird gleich in zweierlei Hinsicht vermittelt. Da ist die Konfrontation mit der Welt der Kulturschaffenden, die oft eine ganz andere ist als die der BWL- oder Jura-Vorlesungen. Und zu Kunst und Kultur gehört schließlich auch handwerkliches Kön-nen, der Zugang zu neuen Methoden und Herangehensweisen.

Die Auswahl der Bronnbacher Stipendiaten ist anspruchsvoll. Gesucht werden Kan-didaten, die das Zeug zur Führungskraft haben. Alle Bewerber müssen ihr Hauptstu-dium oder den Master-Studiengang aufgenommen haben. Sie zeichnen sich nicht nur durch sehr gute Leistungen in fachlicher und persönlicher Hinsicht aus, sondern lassen auch den Willen erkennen, gesellschaftliche Verantwortung als zukünftige Führungskraft zu übernehmen, heißt es im Bewerbungsprospekt. Wichtig ist außer-dem eine offene Persönlichkeit, die bereit ist, sich auf künstlerische Prozesse einzu-lassen. Doch weder künstlerisches Talent noch einschlägige Vorbildung sind ein Auswahlkriterium.

Über Mannheim und Bochum hinaus?
Heute ist das Stipendium auf die Universitäten Mannheim, deren Tagungsstätte in Bronnbach Namensgeber ist, und Bochum beschränkt. Doch Zech, selbst ein großer Anhänger von Kunst und Kultur, plant eine Expansion. Mit den Universitäten in Mainz und München ist er bereits im Gespräch. In Sachen Finanzierung setzt er auf Spon-soren. In Mannheim ist es Südzucker, in Bochum RWE, Gea und Metro. Vielleicht haben in Zukunft auch Personalabteilungen Interesse an Kontakten zu dem Füh-rungskräftereservoir. "Wir wollen aber keine Recruiting-Veranstaltung", zieht Zech eine Grenze. Ein durchaus gewollter Nebenaspekt: Die Führungskräfte von morgen sollen moti-viert werden, wenn sie bestimmte Positionen erreicht haben, Kunst und Kultur künftig zu fördern. Einige sind auf gutem Weg nach oben. Sie sind Trainees bei Google, Co-ca- Cola und Lufthansa. Vier haben es zu Beratern bei McKinsey und Boston Consul-ting gebracht, einer ist schon Vorstandsassistent, andere promovieren an der Univer-sität. Geld gibt es für die "Bronnbacher" während des Stipendiums keines – da teilen sie das finanzielle Schicksal vieler Künstler.

Michael Roth


Tagesspiegel , Wirtschaft 27. Februar 2004 Bernd Hops

Eine ganz andere Welt

Ein Kulturstipendium an der Uni Mannheim soll Wirtschaftsstudenten Kreativität vermitteln

Es ist Freitagabend, 19 Uhr, die Flure des
Kurfürstlichen Schlosses in Mannheim sind dunkel und leer. In einem Seminarraum mit Purpur an der Wand und Stuck an der Decke sitzen 15 Studenten und warten. Durchs Fenster scheint der Mercedes- Stern der örtlichen Niederlassung, auf einem Tisch liegt das Magazin " Art" neben einem Lehrbuch über " Kostenrechnung und Kostenanalyse".

Die Kombination von Kunst und Kommerz ist beim "Bronnbacher- Stipendium" Programm. Vom Kulturkreis des BDI ins Leben gerufen, soll es den Horizont angehender Führungskräfte erweitern, sie kreativ und offen für Neues machen. " Es gibt durchaus Parallelen zwischen der Arbeitsweise von Unternehmern und Künstlern", meint Stefan Krankenhagen, Kurator des Stipendiums. Um dies zu entdecken, besuchen ausgewählte Studenten Museen, Theater, Konzerte, bekannte Kulturschaffende stellen ihre Arbeit vor, diskutieren und geben Einblicke in ihre Produktionsweise.

Heiner Goebbels kommt herein. Unter dem Jackett trägt er einen Wollpulli, seine Haare sind weiß und wild. Goebbels zählt zu den weltweit bekanntesten Komponisten und Regisseuren des modernen Musiktheaters, schon zweimal waren Arbeiten von ihm für den Grammy nominiert. Er sagt, dass er sein " Eislermaterial" vorstellen will, eine Auseinandersetzung mit dem Komponisten der DDR- Nationalhymne. Der Name Hanns Eisler sagt den Studenten nicht viel. Goebbels schaut leicht irritiert: " Aber Schönberg kennen Sie, oder?"

Für das Programm haben sich 80 Studenten beworben, einen kurzen Aufsatz geschrieben, einer Auswahlkommision erklärt, warum sie mitmachen wollen." Wir haben darauf geachtet, dass sie nicht lediglich einer Liebhaberei folgen, sondern die Erfahrungen wirklich für einen späteren Managementjob nutzen wollen" sagt Krankenhagen. Die angehenden Betriebswirte, Wirtschaftsinformatiker - auch ein Psychologe ist dabei- opfern der Kunst nun Abende und Wochenenden. Einen Schein bekommen sie dafür nicht.

Goebbels legt eine DVD ein, das Licht geht aus. Zu sehen sind jetzt Musiker, die um eine Bühne herum sitzen. Sie fangen an zu spielen, Klarinette, Klavier; Trompete, der bekannte Schauspieler Josef Bierblicher sitzt zwischen ihnen, setzt seine Brille auf, singt. Schließlich stimmen alle die "Kinderhymne " von Bertolt Brecht an, die 1990 kurzzeitig als Nationallied des wiedervereinigen Deutschland im Gespräch war. Die Musik klingt manchmal etwas unkoordiniert, holprig, nicht ganz auf den Punkt. Das ist Absicht. " Ich habe die Schwierigkeit sehr groß gemacht" sagt Goebbels. Die Gefahr des Auseinanderfallens sie stets gegeben, zumal kein Dirigent den Takt vorgebe. Dadurch ständen die Ensemblemitglieder stärker im Blickpunkt, das Publikum habe Anteil am Kommunikationsprozess zwischen den Musikern. Die Eigenverantwortung werde gesteigert, der Ausdruck sei farbiger, reicher, persönlicher.

Goebbels zeigt noch zwei Ausschnitte, auch aus seinem Stück" Schwarz auf Weiß". Die Musiker schmeißen Bälle gegen Stahlwände, rollen Kugeln über Saiten, schleppen erst allmählich die Instrumente an die Plätze. Anschließend diskutieren die Studenten über Teams und Hierarchien. " Man merkt einer Inszenierung an, ob der Regisseur ein Arschloch ist" erklärt Goebbels. Sie sprechen darüber, ob das in Unternehmen auch so ist. Dann gibt es Häppchen.

" Es wäre naiv, künstlerisches Schaffen direkt auf das Unternehmerleben zu übertragen" sagt Hans-Jörg Happel, Student der Wirtschaftsinformatik. Dennoch ist er von dem Stipendium angetan. "Es stärkt das Verständnis für kreative Prozesse und beugt einseitiger Fixierung auf ein Fach vor." Schon das Gespräch mit prominenten Persönlichkeiten aus aller Welt sei bereichernd. Die anderen stimmen zu. Demnächst fahren sie zu Sir Simon Rattle nach Berlin.

Und was meint der Künstler? Interessiert seien die Studenten, offen, ohne Scheu sich als Banausen zu blamieren. Warum er überhaupt mitmacht? Goebbels überlegt kurz. " Wenn die später mal viel Geld zu verwalten haben" sagt er dann und lächelt, " fördern sie vielleicht die Kultur".

Wirtschaftswoche vom 03.März 2005