Archiv des 5. Jahrgangs (2008/ 2009)

Protokoll: Wochenklausur, Wolfgang Zinggl
(Protokoll vom 11.-12.10.2008) 
Charlotte Rungius

Warum werden wir Nichtkünstler nicht zu Künstlern, obgleich wir das Gleiche wie Künstler machen? Warum wird jemand zum Künstler, obgleich er das Gleiche wie ein Nichtkünstler macht? Dies war die fast alles beherrschende Fragestellung unseres Gesprächs am Samstagabend mit Wolfgang Zinggl. Und die Emotionen kochten hoch, denn wie kann sich einer einfach selbst einen Titel verleihen, ohne dass seine Tätigkeit viel gemeinsam hat mit dem, was nach landläufiger Auffassung „echte“ Künstler zu tun pflegen: Mit seinen Projekten erinnerte er vielmehr an einen politische Aktivisten oder Sozialarbeiter.
Aber viel unverschämter - sogar anmaßend - empfand ich bis dato, dass er sich einer Bezeichnung zu bemächtigen schien, die für meine Begriffe nur wenigen Auserwählten zusteht, die durch gewisse unumgängliche Vorherbestimmung, aus einer persönlichen Notwendigkeit heraus und mit leidenschaftlichem Einsatz zwangsläufig mit der Kunst verbunden sind. Wahre Künstler eben, die von dem Bedürfnis getrieben sind, sich auszudrücken und die gar keine andere Wahl haben, als sich ihrer Berufung zu ergeben und etwa zum Pinsel zu greifen. Und so hatten wir sie auch erlebt: Beispielsweise eine Silke Schatz, die spät nachts noch einmal in ihr Atelier gehe, um (in doppelter Hinsicht) Belastendes zu verarbeiten.

Doch dann kommt einer daher, mit bübischen Grübchen und verschmitzten Lachfältchen, die Ruhe in Person, jemand, der in seinem kollegial wirkenden österreichischen Tonfall ziemlich provokantes Material verpackt. Einem Typ, dem man genügend berechnende Unverfrorenheit zutraut, um „das Prädikat Kunst“ auch mal dazu zu nutzen, von dessen Abglanz zu profitieren und ihn für Werbezwecke zu nutzen. Zunächst hatte ich sogar vermutet, dass er die ungeklärte Lücke auf dem Kunstmarkt entdeckt hat, die nach Er-füllung sucht; ganz nach dem Motto: Wenn Kunst Sinn sucht, lädt sie ihn ein und lässt sich dann nach manch einem Auktionsexzess durch die gemeinnützige Wohltätigkeit der Projekte wieder ins rechte Licht rücken.

Offensichtlich war ich auf der Suche nach dem Haken. Denn weder sein Erscheinungsbild noch seine Tätigkeit passten zu den Erwartungen, die ich an Künstler stellte. Und vielleicht ärgerte mich seine Eigenmächtigkeit genau deshalb. Denn im Grunde genommen bestand sein „Vergehen“ lediglich darin meinen Erwartungen nicht entsprochen zu haben. Aber wer weiß schon genau, was eine Künstlerin, ein Künstler tun „muss“? Gibt es für sie Vorschriften oder Pflichten? In diesem Fall musste ich zugeben, dass ich trotz dieser definitorischen Unsicherheit eine recht klare Vorstellung von Kunstschaffenden entwickelt hatte. Sie sollten zwar nicht alle das Gleiche machen, aber wenigstens etwas Ungewöhnliches an sich haben, extravagante Macken, irgendeinen ausgefallenen Kleidungsstil, eine auffällige Brille, grelle Schuhe, irgendwas. Das Problem: Zu viele Künstler erfüllen dieses Klischee oder zumindest inszenieren sie sich auf diese Weise. Auch sie schlüpfen in Rollenbilder trotz aller künstlerischer Freiheit und Kreativität oder gerade um dort die Grenzen auszutesten.

Wolfgang Zinggl wirkte dagegen bodenständig und unprätentiös. Die Projekte von Wochenklausur allerdings wären ohne ein hohes Maß an Unkonventionalität, Kreativität und Gestaltungskraft sicherlich nicht zu Stande gekommen. Allesamt Attribute, die man hauptsächlich Künstlern zuschreiben würde. Bei Wochenklausur ist das Test- und Spielfeld eben nicht die eigene Person bzw. deren Erscheinungsbild sondern die konkrete Problemlösung in Bereichen, wie Politik, Ökologie, Wirtschaft und sozialen Aufgaben.

Also Gebiete von allgemeinem Interesse, denen sich die Kunst von Wochenklausur vor allem eingreifend und gestaltend widmet und sich dabei in starken Kontrast zur vielmehr reflektierenden Kunst setzt. Vernachlässigte Aspekte wie Nützlichkeit und Effektivität stellen nun Fragen an eher reduzierte Kunstexemplare (die viel zitierten (fast) weißen Leinwände).

Zusätzlich weist die Arbeit von Wochenklausur über deren angestrebte Projektziele hinaus: So zeigt sie nicht nur den Involvierten einen neuen allgemein verständlicheren (weil praktischeren) Zugang zur Kunst auf und eröffnet somit auch ihnen in vielerlei Hinsicht neue Perspektiven. Auch für mein Verständnis macht er nun Schluss mit der Mär, sich ernsthaft künstlerisch zu betätigen stünde nur wenigen Auserwählten zu.

Im Laufe der abschließenden Gruppenbesprechung der drei Ideen am Sonntag wurde sehr deutlich, dass wir uns Projekte - und damit Veränderung - unter einem sehr ähnlichen Schema vorstellen: Wir schaffen einen Makrokosmos, in dem andere Menschen dann aktiv werden müssen. Ob das eine Kommunikationsplattform ist, die anderen lediglich die Möglichkeit bietet, sich zu gemeinsamen Aktivitäten zu verabreden, ob es das Zusammenbringen von Schulklassen mit verschiedenen Berufsgruppen ist, oder ob es gar das Schaffen einer Begegnungsstätte ist, in der dann Studenten, Sozialarbeiter, Musiklehrer und viele mehr für ihr Tun bezahlt werden; wir organisieren, die anderen sollen machen. Ist das lediglich Ergebnis eines gelungenen Auswahlverfahrens, das sich die Förderung von zukünftigen Führungskräften auf die Fahnen geschrieben hat? Liegt es vielleicht zwangsläufig in der Natur der vorherrschenden Studienrichtung? Und weiter: Ist das der Inhalt und die Art und Weise von Führen?

Im Wesentlichen habe ich zwei Dinge beobachtet: Erstens ergibt sich hieraus eine Verlagerung des Konfliktpunktes (des sozialen Brennpunktes) in Richtung eines uns vertrauteren Problems wie etwa dem Einstellen von Leuten und der Beschaffung und Zuteilung von Geld. Mit der eigentlichen Arbeit und den Zielpersonen an sich haben wir nicht mehr zwangsläufig etwas zu tun.
Zweitens zeigt sich hier die distanzierte Vogelperspektive, mit der wir die Problemfelder um uns herum betrachten. Bis auf wenige Ausnahmen wie bspw. das Café-Projekt und Demians Mensavorschlag, zeichnet sich eine ähnliche Vorgehensweise ab: Zunächst die Abgrenzung der Zielgruppe (meist einer Minderheit), von der man sich selbst ausnimmt, damit die Absteckung eines übersichtlichen Orientierung schaffenden Rahmens - etwa die unerlässliche Googlekarte - und anschließend die Konstruktion eines darauf abgestimmten Projekts (teilweise auch von mehreren in eines). Da wird aufgeteilt, zusammengepuzzelt, kartiert, kalkuliert, strukturiert wie auf einem Steckbrett.

Diese auffallend analytische Vorgehensweise hat sicherlich viele Vorteile wie Übersichtlichkeit oder Kontrollierbarkeit. Aber sie ist keineswegs zwingend notwendig, um ein soziales oder gesellschaftliches Projekt zu entwickeln und zu verwirklichen wie Wochenklausur mehrfach erfolgreich gezeigt hat. Vielmehr lässt oben beschriebenes Vorgehen Rückschlüsse auf tendenziell ebenso geartetes Denken zu.
Dieses könnte uns wiederum bei einigen anderen Herausforderungen im Weg stehen. Etwa beim Versuch Kunst als etwas Grenzenloses, bzw. sogar dem Wesen nach Entgrenztes zu verstehen. Oder mit den Worten von Wolfgang Zinggl: Von den „kindlich präzisen Fragen worin überhaupt die Kunst liegt“ Abschied zu nehmen. Dies könnte bedeuten, den Mut zu besitzen, das Orientierung stiftende Gedankengebäude zu verlassen, definitorische Mauern einzureißen und die Fähigkeit sich in dieser Freiheit der Erfahrungswelt nicht zu verlieren.


Daniel Dreßler
Einführungswochenende

Das Kloster ist ein Ort der Ruhe, der Einkehr und Besinnung. Für Zisterzienser ist es aber auch ein Ort der Arbeit. Ora et labora. In all seinen Facetten war das Einführungswochenende für mich genau das: viel geistige Arbeit und noch mehr Staunen, Einkehr – und Beten, es möge nicht so schnell vorübergehen. Letztlich dann ein Dankgebet für große Bereicherung.

Für mich begann das Wochenende mit dem Gespräch mit Silke Schatz. Die Themen ihrer Arbeiten sind ernst. Die Tatsache, dass sich ihre Werke auf unfassbare – und für mich unaussprechliche – Grausamkeiten beziehen, erschwerte aus meiner Sicht die Diskussion. Es war gut, uns über allgemeine Überlegungen zu Schicksalsorten, aufgeladenen Gegenständen und der Literatur dem speziellen Werk anzunähern. Gerade bei den beiden Arbeiten „Terezin I“ und „Extraterrestrial“ überraschte mich der Aufwand, der für ihre Konstruktion getrieben wurde. Ich konnte sie – nach den Erläuterungen der Künstlerin – besser verstehen, und gerade dadurch wurde ich zunehmend sprachlos.

Ganz anders die Atmosphäre bei Christian Jacobs. Der strahlende Kulturkreisler-Sammler-Unternehmer-Privatmensch gewährte uns Einblicke in seine Rollen. Wenn ich ihn sehe, bin ich überzeugt: klar, Wirtschaft und Kultur, die gehören zusammen. Das steht im Gegensatz zur Mannheimer Vortragsreihe „Geist und Geld“, bei der oft Gegenpole aufgemacht wurden. Das Sammlertum, wie es von Christian – und unisono Konstantin – beschrieben wurde, überraschte mich. Geld scheint das Kunstwerk zum Großteil zu konstituieren. „Es muss (relativ zum Einkommen) teuer sein!“ Das Sammlerphänomen ist also bei Kunst ganz genauso wie für andere Menschen bei Autos, Schuhen, Videospielen oder Sandpröbchen von diversen Stränden. Sowohl die beschriebenen Übungen (Rose beschreiben zur Wahrnehmungsverbesserung) als auch die selbst durchgeführten (Gruppendiskussion über Lebensaufgaben, Scheitern und Wünsche) waren inhaltlich wie auch organisatorisch top. Von Christian Jacobs, der wie ein Jongleur erfolgreich so viele Bälle in der Luft hält, hatte ich das erwartet.

Christian war noch nicht aus dem Raum, da stand schon Thilo Hoffmann da. Ein Schweizer, und was für einer. Als Künstler selbständig zu sein, Thilo verkörpert dies in Vollkommenheit. Klar, das Videokunstwerk muss passen; aber gleichzeitig erobert er Burgen, schiebt nachdem er den Tsunami hat einfach rein und gewinnt CEOs für Nachtessen. Es schimmert durch, dass der Optimismus nicht immerwährend ist, dass es wohl manchmal Verzweiflung im Studio gibt. Aber die Grundeinstellung, es selbst zu schaffen mit etwas so neuartigem und gleichzeitig sozialem imponiert mir. Inwiefern sozial? Thilo Hoffmann setzt andere Menschen in Szene; er spannt den Rahmen auf für ein 30-Sekunden-Porträt oder lässt Senioren Werbespots aus ihrer Jugend kommentieren. Er ist so Mini-Kurator und Künstler in einem. Seiner Arbeit „Flashback“ steht er kritisch gegenüber – ich finde sie großartig. Sie sollte ausgestellt werden, nicht nur weil die betagten Sprecher mit „we want to see it now“ pushen.
Danke für ein optimistisches Manifest des künstlerischen Unternehmertums!

Der Sonntag stand im Zeichen der Musik: Silke Evers und Wiebke tom Dieck zeigten, wie unterschiedlich Lieder sein können und dass ohne Harmonie zwischen den Vortragenden nichts geht. „Schön ist das, was ohne Ziel gefällt“, zitierte Silke Evers nach unbekannter Quelle. Für ungeübte Ohren fällt die Neue Musik nicht in diese Kategorie. Mit Konzentration und dem Willen, sich darauf einzulassen, ändert sich das jedoch. „Die Wespe“ von Enno Poppe faszinierte mich gar auf Anhieb. Anspruchsvoll, witzig und wirklich neu, ohne erratisch zu wirken – für mich war es ein erfreuliches Aha-Erlebnis. Es machte mir Freude, beim Ein-Ton-Gesang selbst zu erleben, wie Singen und Hören gleichzeitig funktionieren.

Bei all den Beschreibungen fehlen: das Kennenlernen der Mitbronnbacher, das Klostererlebnis, die Verpflegung und die Organisation durch Konstantin. Allesamt empfand ich als sehr angenehm.

 

Daniel Dreßler
Filmwochenende

Vom 27. Februar bis 01. März 2009 trafen wir das filmschaffende Künstlerduo Graw/Böckler (bestehend aus Georg Graw und Ursula Böckler) in den Räumen der Uni Mannheim. Es war von vornherein klar, dass wir an diesem Wochenende auf mehreren Ebenen aktiv werden würden; trat doch neben die schon traditionelle – doch in ihrer Ausgestaltung immer wieder neue – Aufgabe, das Wirken der Künstler zu verstehen auch die Herausforderung, in Gruppen selbst einen „commercial for a concept“ zu erstellen.

Doch der Reihe nach. Am Freitag abend treffen ein gutes dutzend neugierige Bronnbacher (+ Konstantin) auf zwei Menschen, die sich als „klassisches Künstlerpaar“ vorstellen. Diese Bezeichnung trifft insofern zu, dass Georg Graw und Ursula Böckler zusammen leben und arbeiten. Statt um „Klassisches“ sind sie in ihrer Poesie des Filmes jedoch eher dem Neuen, dem Eigen-artigen, manchmal auch dem Provozierenden auf der Spur. Einblicke in die Werke der Filmschmiede Graw/Böckler hatten wir bereits vorab aus dem Internet. Sowohl unter http://www.commercialforaconcept.com/ als auch unter http://www.raumfuerprojektion.de/ hatten wir Filme von etwa zwei- bis zehnminütiger Länge gesehen.

Die Art und Weise, wie die Künstler uns an diesem Freitagabend einen Überblick über ihre Arbeiten gaben hatte Struktur, Struktur, Struktur. Dem mit illustrierenden Beispielen versehenen Vortrag zu lauschen war daher eine Freude. Interaktion vom Startpunkt weg war nicht vorgesehen; „primum videre – deinde philosophari. Graw/Böckler haben drei Arbeitsfelder: Produktion, Präsentation und Distribution von (Kurz-)Filmen. Ihr bevorzugter Präsentationsort ist der sog. „Raum für Projektion“, der mit wechselndem Programm in unterschiedlichen Städten stattfindet und von den Künstlern selbst als „Setup zwischen Bar und Kino“ beschrieben wird. Die Distribution von Filmen auf DVD beschränkt sich nicht auf eigene Werke, sondern umfasst auch die befreundeter Künstler. Freunde sind es auch, die in den Filmen Graw/Böcklers als Schauspieler fungieren. Es entstand der Eindruck einer großen Gemeinschaft, die sich unter der Regie der beiden filmisch auslebt. Die Filme wirken echt und das dahinter stehende Konzept, „Geschäftsmodell“ wenn man so will, ist solide. Die Finanzierung stemmen Graw/Böckler selbst, in der Umsetzung ihrer Projekte sind sie zielstrebig.

Die Produktion spaltet sich in vier Arten von Filmen auf. Da gibt es zuallererst die Musikvideos. Diese werden nach Künstleraussage oft im Hintergrund von Clubs gezeigt. Für den Mainstream, also das Herauf- und Herunternudeln auf den einschlägigen Musikkanälen, sind sie nicht geeignet; dafür sind sie schlicht zu künstlerisch, zu anstrengend. Das erste Beispiel zeigt Impressionen einer koreanischen Großstadt; nur 20 Sekunden Film ergaben durch geschickte Schnitte und Widerholungen ein mehrere Minuten langes Musikvideo. Als Kontrast sehen wir das „eher basslastige“, schon fast klassisch wirkende Werk aus einer Musikbar.

Etwas ganz anderes sind die „How-to Videos“. Sie zeigen, wie man erste Hilfe praktiziert, aufhört zu Rauchen oder an Jesus glaubt. Diese Filme bieten einen wahrhaft großen „Raum für Projektion“. Sie stumm zu betrachten und danach nicht darüber zu sprechen ist unbefriedigend. So erklärt sich das Mischkonzept aus Bar und Kino, das die beiden beim Zeigen solcher Filme verfolgen. Der nur wenige Minuten kurze Film wird wiederholt gezeigt und dient als Grundlage für eine gewollte Reflexion im Austausch mit anderen. Die Verwirrung war bei uns anfangs groß; erwarteten wir doch hollywoodtypisch einen Film mit Message. Für „How to stop“ (smoking) hätten aus unserer Sicht auch Titel wie „How to cook“ (asparagus) oder „Being naked“ gepasst. Die Exegese im Literalsinn führte bei „how to believe in Jesus“ zunächst zu geringem Erkenntnisgewinn. Das Gespräch untereinander und besonders mit den Künstlern brachte Aufklärung. Der Cocktail, den Graw/Böckler in ihren Filmen mixen, erschließt seinen faszinierenden Geschmack erst nach mehrmaligem Probieren, dann jedoch umso deutlicher.

Die dritte Filmart war für viele von uns vollkommen neu: Loops. Einige Sekunden kurze Filmschnipsel werden in Endlosschleifen gezeigt, wobei nicht zu erkennen ist, wo der Film neu beginnt. Wir sahen einige der clever gemachten Arbeiten und erahnten die Möglichkeiten, die sich durch eine solche Art des Filmens eröffneten. Die ewige Duracell-Reklame an einem afrikanischen Fluss, eine einfach nicht anhalten wollende U-Bahn und und und… .

„Commercials for a concept“, die vierte Produktionsform, sollte uns das ganze Wochenende über beschäftigen. Eine originelle Idee wird in Form eines „Werbeclips“ umgesetzt. Graw/Böckler zeigten ihren Film „Mein Vorschlag: Friesenbad“, der die illusorische aber umso reizvollere Idee eines frei zugänglichen Strandbades mitten in der Kölner Innenstadt promotet. „Small people – less energy“ war so ein weiteres, absurdes Beispiel. Das ist absolut nicht negativ gemeint. Man merkt den Künstlern ihre Freude daran an, außergewöhnliche Ideen zu entwickeln und diese dann liebevoll filmisch umzusetzen. Der Sinn dahinter, ob die Energieprobleme gelöst werden könnten, wenn alle Menschen geschrumpft würden, muss sich nicht erschließen. Dem Zuschauer wird eine Welt eröffnet, in der er gedanklich spielen kann. An diesem Ziel scheitern weit aufwendigere Filmproduktionen regelmäßig.

„Ironie“, so die beiden, hat in ihren Filmen keinen Platz. Sie verfolgen einen „intelligenten, netten Ansatz“. So lernten wir Georg Graw und Ursula Böckler auch in den kommenden beiden Tagen im Rahmen des eigenen Filmprojekts kennen: als witzige, realistische, kreative und rundherum nette Kunstschaffende.

Samstagmorgen, kurz nach zehn: Es wird ernst. Ideen für die eigenen Filme hatten wir zuhauf, doch welche sollten sich als in Kleingruppen umsetzungswürdig erweisen? Aussortiert wurden potenzielle Perlen wie „Laufbänder statt Bürgersteigen“, „Menschen: Roboter der Dienstleistungsgesellschaft“ oder die Weiterentwicklung des immerverfügbaren Fahrrads zu Zeiten gesellschaftlichen Schlafmangels „Call a bed“. Diese drei concepts machten das Rennen: „Zeit ist relativ“ setzt filmisch um, dass nicht die Uhr, sondern vielmehr die eigene Wahrnehmung über kurz oder lang entscheidet. „Thankful thinking“ lenkt das Bewusstsein auf die kleinen nötigen Dinge im Leben, die einen Moment der Dankbarkeit verdient hätten. „Pay as you like it“ schließlich befreit alle Kunden aus der Rolle der Preisnehmer.

… to be continued …


Demian von Osten: Im ZKM mit Rimini Protokoll

Das erste, was mir in die Hände fällt, ist ein Zeitungsartikel über „Rimini Protokoll“. Ja, diese schräge Theatergruppe aus der Schule von Heiner Goebbels hatte es uns allen angetan. Wir hörten damals ein Hörspiel über ihr Bundestags-Projekt, das ja schließlich leider doch nur in einer staubigen Halle, und nicht im altehrwürdigen Bonner Bundestag aufgeführt wurde. Uns hat es trotzdem begeistert, weil es so anders war, als das, was man normalerweise im Theater erwartet und sich anschaut. Die Volksvertreter werden selbst vertreten, und zwar vom ganz normalen Volk. Das hatte schon was. Und dazu dieser beeindruckende Effekt, wenn Laienschauspieler versuchen, das ihnen übers Ohr live aus Berlin zugeraunte Politikerkauderwelsch mit stolzer Brust dem Theaterpublikum zu verkünden. Besonders toll war das anschließende Gespräch mit den Rimini-Leuten in einem Lokal in der Nähe. Sie waren total zugänglich und luden uns sogar ein, bei einem ihrer nächsten Projekte mal dabei zu sein. Noch Wochen danach habe ich unter uns Bronnbachern immer wieder die Hoffnung gehört, dass dies möglich sein wird.
Das Protokoll sollte subjektiv sein, und das ist es auch. Gregor Jansen, der uns vor Rimini Protokoll eine Stunde für ein Gespräch, das in einer Diskussion endete, zur Verfügung stand, den habe ich zunächst ganz vergessen. Es war erst unser zweiter Bronnbacher Termin überhaupt, sodass wir der Kunstszene noch etwas aggressiver gegenüberstanden. Gregor Jansen war selber darauf nicht so ganz gefasst und schockte uns mit Sätzen wie: „Die Ausstellung mache ich eigentlich nur für mich.“; „Ich halte nichts von Erklärungen in Ausstellungen.“ Wir kamen frisch aus der Ausstellung, in der wir kaum etwas verstanden hatten – mit Ausnahme des Kunstwerks von Silke Schatz, die uns darüber ja auf dem Einführungswochenende auf Kloster Bronnbach berichtet hatte. Endlich hatten wir das Gefühl, ja wir VERSTEHEN dieses Kunstwerk... um einige Wochen später festzustellen, dass Konstantin uns gerade dieses VERSTEHEN eigentlich abtrainieren will („Verstehen ist etwas Heiliges“). Übrigens: Es gab ein kleines Begleitbüchlein für die Ausstellung; wir bekamen es alle am späten Abend nach dem Besuch der Ausstellung; vor dem Besuch der Ausstellung wussten wir davon leider nichts. An der Kasse hatte man uns nicht darauf hingewiesen. Vielleicht war das gut? Denn sonst hätten wir wieder nur versucht, alles genau zu VERSTEHEN.

An Tag zwei in Karlsruhe hatten wir viel Freude mit Heiner Blum. Mir hat dieser zweite Tag sehr viel Spaß gemacht, weil Heiner Blum offenbar schon Erfahrung mit den wirtschaftsgetränkten Gehirnen der Bronnbacher hat. Er verstand es zum Beispiel, uns seinen Resonanzraum näher zu bringen und gleichzeitig für Underground-Musik zu begeistern. Die einzige Diskussion entzündete sich beim Thema Graffiti: Sachbeschädigung oder Kunst? Das war hier die Frage. Doch Konstantin klärte uns nach kurzer hitziger Diskussion schnell auf: Die Graffiti-Diskussion sei ja total alt, das hätte schon die Leute in den 60er Jahren beschäftigt. Nichts Neues also in der modernen Kunst!


Lena Jaroszek: Treffen mit Steiner und Yang

Wir treffen Barbara Steiner und Jun Yang in Mannheim in der Uni. Für uns
also irgendwie ein Heimspiel. Die beiden kommen erstmal zu spät. Aber
Künstler sind wohl irgendwie anders – oder?
Die beiden hätten sich im Zug verquatscht – ja doch, sie machen einen
ziemlich vertrauten und einhelligen Eindruck. Barbara Steiner scheint
die deutlich dominantere Person zu sein und eröffnet dann auch erstmal
die Runde. Mit einer dünnen Sonderbeilage: „Kunst trainiert
Management-Skills“. Irgendwie fanden die beiden das amüsant oder absurd
und lassen uns raten, woher dieses schmale Heftchen wohl stammen könnte.
Wir erraten das ziemlich schnell. Aus der Süddeutschen Zeitung – für uns
offenbar weniger absonderlich, als für die beiden. Ich hab dann
natürlich fleißig mitgeschrieben, was solche besonderen Fähigkeiten der
Führungskräfte sein sollen:

1.      Bereitschaft zu Grenzüberschreitungen
2.      Intensität – wovon eigentlich?
3.      Selbst(er)kenntnis
4.      Individualität
5.      Wissensdurst
6.      Zeitmanagment

Soweit so gut. Mit diesem Aufhänger geht es dann weiter zu Barbaras
Slide-Show Vortrag. Sie arbeitet darin das Thema „Spannungsfeld Kunst
und Wirtschaft“ heraus und widerlegt die lange Zeit geltende Annahme
„die Kunst ist frei“. Ich bin davon nicht so sonderlich überrascht. Dass
Künstler im Mittelalter doch viel eher Handwerker waren, die von Kirche
und Adel Aufträge bekamen und dafür bezahlt wurden – kein Novum. Dann
17. Jahrhundert der Salon entscheidet, was Kunst ist und was
minderwertig. Die „minderwertigen“ Maler gründen den „Salon des
refusés“. Und die Künstler gelten als Gegensatz zu den Mitgliedern in
der Gesellschaft. Eine Meinung der ich ja auch immer wieder aufsitze,
wenn ich Klischees wie 'Künstler kommen zu spät, tragen extravagante
Haarschnitte, Brillen und Kleidung' nachhänge – merkwürdiger Weise (oder
vielleicht um diese wahrscheinlich weitverbreiteten Vorurteile zu
erfüllen?) recht häufig bestätigt finde.
Besonders gefallen haben mir die Künstler des 20. Jahrhunderts, die die
vermeintliche Unhabhängigkeit der Kunst von der Wirtschaft geradezu
karrikieren. Darunter Andy Warhol, Jeff Koons und die Aktionskünstlerin,
deren Namen ich immer noch nicht weiß (aber steht zum Glück im Forum,
weil ich Konstantin ja schon mal danach gefragt habe). Ich hab auch
Clips von ihr auf youtube angeschaut. Allerdings bin ich an den
sprachlichen Hürden gescheitert. Irgendwie hat es mich bestürzt, was
diese Frau macht für ihre Kunst – sich vor Publikum ausziehen, mit
irgendwelchen Leuten ins Bett gehen und sich dabei noch filmen –
verbessert dieser Körpereinsatz wirklich die Botschaft so sehr, dass er
sich lohnt? Das frage ich mich sowieso auch immer wieder im Theater –
warum hat sich die arme Schauspielerin jetzt auf der Bühne eigentlich
ausziehen müssen?
Insgesamt habe ich doch einige Ideen aus Barbaras Vortrag mitgenommen:
Kunst ist nicht gleich Kunstfertigkeit – man kann stattdessen seine
Ideen von handwerklich erfahrenen Leuten umsetzen lassen.
Die Kunst kann schlecht ohne das Geld. Geht es umgekehrt?
Ein Künstler bewegt sich längst nicht so weit am Rande oder gar
außerhalb der Gesellschaft, wie es in der romantischen Vorstellung
angenommen wird.

Nach dieser theoretischen Einführung – die auch eine Vorlesung hätte
sein können - Barbara Steiner beantwortete gestellte Fragen meist direkt
selbst – ging es weiter mit den Werken Jun Yangs:

Wir hatten vor dem Zusammentreffen schon einige von Jun Yangs Filmen
gesehen. Ich habe sie als sehr unterschiedlich wahrgenommen. Einige sind
unheimlich aufwändig – richtige kleine Filme - und andere nur wie eine
PowerPoint Präsentation. Im Zusammentreffen gab es dann einige
Hintergrund Informationen – das Paris Syndrom wurde erklärt. Und gerade
den recht simpel wirkenden Kurzfilm „Soldier Woods / Soldat Holzer“
haben wir dann gemeinsam komplett zerlegt. Auch wenn sich manche
aufgrund des Frage/Antwort-Stils vielleicht ein wenig in
Grundschulzeiten zurückversetzt gefühlt haben mögen – mir kam diese
„Decodierung“ der Arbeit doch sehr entgegen. Dass man Kunst nicht immer
sofort oder vielleicht sogar nie verstehen kann, habe ich leider erst
viel später gehört. Aber obwohl es meiner Auffassung sehr entgegenkam,
dass in dieser Arbeit jedes Slide seine eigene Daseinsberechtigung und
seinen eigenen Sinn hat, genauso wie die Darstellungsweise und die
Vertonung, war ich überrascht darüber wie viel Überlegen, Umstellen,
Ändern und wieder von vorne anfangen selbst hinter so einem kurzen und
scheinbar simplen Film stecken. Und irgendwie misstraue ich bis jetzt
der Vorstellung, dass sich ein Künstler die gesamte Bedeutung, Botschaft
und Auslegungsweise seiner Arbeit schon im Voraus überlegt. Gerade im
Zusammenspiel Yang/Steiner hatte ich stark den Eindruck, dass es nicht
die Künstler selbst sind, die ihre Werke besonders gut auslegen und und
in Sprache fassen können. (Wie es sich da bei Literatur verhält wäre
interessant.) Vielmehr haben wohl Kuratoren und Galerie-Leiter hier ihre
besondere Stärke. Leider hat das bei mir teils zu dem Gefühl geführt,
dass hier vielleicht mehr aus einem Künstler gemacht wird, als er sich
selbst vorgestellt hatte. Bei neuerlichem Überlegen, weiß ich aber
nicht, warum ich mich an diesem Punkt so störe. Wenn ein Künstler als
eine Art „Medium“ aufgefasst wird, der in einer Gesellschaft bestehende
Probleme oder Aspekte aufgreift und in seiner Kunst kanalisiert, muss er
doch nicht gleichzeitig die Person sein, die dieses Konzentrat dann in
seine Ingredienzien und Wirkungsweisen zerlegen kann. Hier wieder ein
für mich wichtiger Punkt: Kunst funktioniert nur, wenn das behandelte
Thema auch verstanden wird – also in der jeweiligen Sozialisierung vorkommt.


Marina Pan: Dr. Ulrich Köstlin

Schon in seinen jungen Jahren hatte er die Eigenschaft, sich für die unterschiedlichsten Dinge zu interessieren. Als er seinen zukünftigen Beruf auswählen sollte, konnte er sich zwischen der Goldschmiederei, der Architektur und der BWL nicht entscheiden. Schliesslich studierte er Jura in Deutschland, Schweiz und den USA. Da er sich auch für Politik interessierte, in diesem Bereich aber keine Karriere machen wollte, arbeitete er 3 Jahre lang als Bundestagassistent und parallel als Referendar im Kölner Gericht. Die Erfahrung, die er während der Arbeitszeit im Bundestag bekam, war ausreichend um die Politik "verstehen" zu können. Danach ging Herr Köstlin im Jahre 1982 als Management-Trainee zu der Schering AG.

Seit September 2006 ist er Mitglied des Vorstands der Bayer Schering Pharma AG und trägt die Verantwortung für das operative Geschäft in den BSP-Regionen Europa & Kanada, Asien Pazifik, Lateinamerika, Japan sowie den USA. Unter anderem ist Dr. Köstlin der Mitglied des Vorstands und Schatzmeister des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft im BDI.

Im Laufe der Zeit, deren großen Teil er seinem Beruf gewidmet hatte, merkte er mehr und mehr, dass er sich gerne intensiver mit der Kunst auseinandersetzen möchte, insbesondere mit der zeitgenössischen Kunst. Sein Arbeitgeber, die Schering AG gründete einen Kunstverein, der die jungen Künstler unterstützte, indem er ihnen half ihre Ausstellungen zu veranstalten, Unternehmen zu deren Förderung engagierte und von jeder Ausstellung mindestens ein Kunststück kaufte. Für die Debütanten, so Herr Dr. Köstlin, bedeute dieses verkaufte Stück viel mehr als für einen etablierten, sei die Preisdifferenz noch so groß.
Laut einer alten Regel dürfen die gekauften Ausstellungsstücke nicht im Vorstandsbüro landen. Diese Vorgehensweise wäre ein absoluter Widerspruch gegenüber dem Ziel der Stiftung und der Kunst selbst, so Dr. Köstlin. Seit der Übernahme der Schering AG durch Bayer im Jahre 2002 wurde der Verein in die Schering Stiftung überführt und existiert selbständig. Wir fragten ihn, ob es gerechtfertigt sei, vielstellige Geldsummen in Kunstwerke zu investieren. Er fand, dass in unserer Demokratie gerade so ein "wahnsinniger Investor" manchmal fehle. So entstand nach dem zweiten Weltkrieg zum Beispiel auch der Kulturkreis der BDI, der ebenso junge Künstler unterstützt. Als Schlusswort gab Dr. Köstlin uns den Ratschlag, unsere Grenzen ständig zu erweitern. Ob nun das Erlernen einer neuen Sprache, die Entdeckung neuer Orte, die Erforschung bisher vernachlässigter Fachgebiete oder ein völlig neues Musikgenre, es ist wichtig, Interessen und Gelegenheiten wahrzunehmen , um die eigene Vielseitigkeit weiterzuentwickeln anstatt eine Wissensgrenze festzulegen, die schon lange nicht mehr existiert. Und die Teilnahme am Bronnbacher Stipendium bestätigt nur unseren Wunsch diese Idee umzusetzen.

Nach dem Gespräch mit Dr. Köstlin zeigte uns Nathan Köstlin seine "ArtBar71" , dass den Barbetrieb und den Kunstbetrieb in sich vereint. Die Verbindung von Kunst und Gallerie mit Kaffee und Champagner ist das Motiv des Gastgebers. So kann man z.B. nach der Einsicht der Galerie in die Bar gehen und sich bei einem Drink austauschen. Wir haben uns die Ausstellung der kalifornischen Künstlerin Channa Horwitz angeschaut. Seit Anfang der 60-er arbeitet sie mit Zahlen, Bewegungen, Rhytmen und versucht sie zu visualisieren.
„Die Begrenzungen und Struktur, die ich meinen Werken auferlege, lassen mich Freiheit erfahren. Denn nur scheinbar sind Limitation und Struktur das Gegenteil von Freiheit. Ich bin dahin gekommen, sie als Synonyme und als Grundlage der Freiheit aufzufassen. So wie ich die Welt sehe, ist sie scheinbar aus einer Folge von Zufällen entstanden und hat sich daraus entwickelt. Scheinbar bestimmt der Zufall mein Leben und die Entwicklung, die es nimmt; aber tatsächlich ist es eine Struktur, die durch mein Begehren, sowohl bewusst als auch unbewusst, dirigiert und determiniert wird. Mein Werk basiert auf der Theorie, dass die Struktur nur lange genug wirken muss, um scheinbar zufällig zu werden.…" schrieb die Küntlerin 1976 über ihre Kunst. Obwohl ihre Gemälder vom ersten Blick sehr komplex erscheinen, können fast alle Werke dieser Künstlerin auf das Gitternetz zurückgeführt werden, weil sie auf einer einfachen Logik basieren.

Das Gespräch mit Dr. Köstlin bewies mir wieder einmal, dass die Vielseitigkeit eine sehr wichtige Qualität für einen guten Manager darstellt. Gewöhnlich empfiehlt man bei der Berufswahl, sich nach seinen Wünschen zu richten und das zu wählen, was am besten gefällt. Köstlin ging ganz anders vor: er entschied sich für das Jurastudium, weil er es für notwendig hielt, ohne ein besonderes Interesse für dieses Fach zu verspüren.
Ich befand mich auch einmal in einer ähnlichen Situation, als ich die "Qual der Wahl" zwischen der Medizin, dem Journalismus und der Politik hatte. Schließlich schrieb ich mich an einer BWL-Fakultät ein. Ich interessierte mich nicht in überschwenglichem Maße für die Finanzen, aber ich dachte, dass es nicht so langweilig sein kann wie es mir vorkommt und nützlich für die Zukunft ist. Und heutzutage bereue ich kein bisschen diese Entscheidung.

Meiner Meinung nach kann man einen Menschen nicht nach einem einstündigen Gespräch einschätzen, aber ich finde die Vielseitigkeit und Offenheit Herr Köstlins bewundernswert. Sein Gedanke, sich ständig herauszufordern, sich weiterzuentwickeln, "seine Grenzen zu erweitern" ist ein guter Leitpfad/Wegweiser fürs Leben


Matthias Alles: Antje Schiffers - Auf der Suche nach größtmöglicher Fremdheit


Als Blumenzeichnerin und Werksmalerin, Botschafterin und Korrespondentin stellt sie sich vor. Die „Berufe“ Messestandmaler und Tauschhändler, Wandmaler und Wandermaler ließen sich ergänzen. Berufeerfinder möchte man als weiteren Beruf hinzufügen, klänge es nicht so widersprüchlich. Die verwirrenden Bezeichnungen nehmen während des Treffens Konturen an und erweisen sich als nicht weniger faszinierend als die Person, die hinter ihnen steht: Antje Schiffers. „Zusammen mit ihrem Partner Thomas Sprenger leitet sie das dynamisch-aufstrebende Künstlerunternehmen Schiffers, Sprenger und Sohn“, könnte es in ihrer Public Relations Mitteilung lauten. Dort wäre auch von der diversifizierten Produktpipeline zu lesen, die zu dem Wachstum von über 200% in jüngster Vergangenheit beigetragen hat. „Auf weiterhin niedrigem Niveau“, sagt Vladimir. Und Vladimir weiß schließlich wovon er redet. Er kommt von Roland Berger.

„Die Marke wird zu einer echten Brand aufgebaut. Es muss absolut systematisch gemacht werden, anhand einer Liste.“ Weiß er tatsächlich wovon er spricht? Die Ausführungen klingen abstrakt und generell, teilweise leer und hüllenhaft, wie eine betriebswirtschaftliche Abhandlung, die ihrer selbst willen existiert anstatt sich ihrer Zwecksetzung dienend unterzuordnen. Kunst und Wirtschaft scheinen auf eine Grenze zu stoßen, vor der beide verharren und die sie vorläufig nicht überschreiten. Antje Schiffers gelingt es, aus Wirtschaft Kunst zu machen. Die professionelle und doch freiwillig komische wirtschaftliche Analyse des Unternehmens „Schiffers“ wird zur Kunst. Aber wieso ist es umgekehrt schwieriger? Was sind die Gründe dafür, dass es Vladimir nur schwer gelingt, sich in die Künstlerin hinein zu versetzen? Stoßen die gefestigten betriebswirtschaftlichen Denkstrukturen an ihr Limit, wenn das Objekt der Beratung auch Tätigkeiten nachgehen möchte, die es erfüllt, anstatt nur möglichst viele Blockbuster zu wiederholen, zu reproduzieren? Wenn das Objekt der Beratung Subjekt ist?

Sowohl Künstler, als auch Unternehmer müssen innovativ und kreativ sein. Dennoch denken Künstler anders als Unternehmer. So ist Antje Schiffers auf der Suche nach größtmöglicher Fremdheit. Diese Fremdheit fand sie in irgendwo in Mexiko. Nirgendwo in Mexiko. Der Name des winzigen Dorfes ist genauso unbedeutend wie ihr Lebensstandard es dort gewesen sein dürfte. Und dennoch war ihr Aufwand berechtigt, denn sie hatte ein Erkenntnisinteresse, das sie auf diese Weise befriedigte.

Von einer anderen Denkhaltung und Herangehensweise eines Künstlers können Unternehmen profitieren. Bereits viele Unternehmen kommunizieren über die Kunst nach außen und erreichen dadurch möglicherweise auch einen Akzeptanz- und Reputationsgewinn. Ein Gewinn lässt sich darüber hinaus im internen Bereich erzielen, einerseits durch eine direkte Einbeziehung des Künstlers in die unternehmerischen Prozesse, andererseits über die Kunst als solche.

Jede Form der Kunst in einem Unternehmen trägt zur Mitarbeitermotivation bei. Durch die Auseinandersetzung mit der Kunst wird die Kreativität und geistige Flexibilität der Mitarbeiter gesteigert und ihre Wahrnehmungsfähigkeit sensibilisiert. Die persönlichen Horizonte der einzelnen Mitarbeiter können erweitert werden und die gesamte Unternehmenskultur wird gefördert.
Ein Künstler kann sich außerhalb der gängigen Denkschemata bewegen. Er ist freier und ungebundener und kann somit für neue Impulse im Unternehmen sorgen. Möglicherweise ist sein Blick sensibler für Neuerungen und gesellschaftliche Veränderungen. Er kann Denkanstöße liefern und so als Katalysator den verschiedensten Prozessen Dynamik verleihen. Da der Künstler nicht an konventionelle Herangehensweisen gebunden ist, kann er den unbequemen, aber innovativen Weg wählen. Gefestigtes hinterfragen. Zweifeln als Methode.


Maximiliane Haut: Bronnbacher Vortreffen oder
Die Assoziationskortizes des Konstantin Adamopoulos

Um für ein Beschnuppern untereinander, ein erstes Kennenlernen der Mitstipendiaten (wir freuten uns alle über die Gesichter hinter den emailadressen, die seit einigen Wochen unsere Kontakte ergänzten) und unseres Kurators Konstantin Adamopoulos zu sorgen, fand am Sonntagnachmittag, den 10. August 2008 ein Vortreffen des 5. Bronnbacher Jahrgangs an der Universität Mannheim statt.
Wir trafen uns in einem sehr gelungen ausgewählten Raum im Ostflügel, entschieden uns, mit Mineralwasser und Brainfood (ich war am Ende des nachmittags so froh darüber, danke, Kathleen  ) ausgestattet, für einen Stuhlkreis, um gemütlich zu einem ersten gemeinsamen Austausch zu finden.
Egal, in welche der im Kreis nicht vorhandenen Ecken man blickte: Von jedem Stuhl glitzerte einem ein waches Augenpaar entgegen: die Neugier, die Offenheit und die Begeisterung, die wir alle teilten und die uns vereinte, unser kommendes Jahr mit dem Bronnbacher Stipendium anzureichern, war deutlich zu erkennen, ja sogar zu spüren.
„Das Fremde kennen lernen und offen sein, für etwas, was man so noch gar nicht kennt“, das war eine der Botschaften, die unsere Kurator Konstantin uns gleich zu Beginn des Nachmittags vermittelte.
Besonders wichtig war ihm, uns noch einmal auf die Geduld und auch die Sensibilität, die wir im Umgang mit den verschiedensten Künstlern sowie auch mit uns selber wahren sollten, hinzuweisen – und auch, wenn viele von uns sagen mögen: klar bin ich unvoreingenommen und offen, so war dies vielleicht ein Rat, der uns bei der ein oder anderen Grenzerfahrung noch helfen wird.

Zwischen all den Ideen, Hinweisen und Vorahnungen, durch die uns Konstantin führte, bauten wir eine Vorstellungsrunde ein: der 5. Bronnbacher Jahrgang, ein Querschnitt aus verschiedensten Studenten, Typen und Persönlichkeiten, die sich schon in diesen ersten drei Stunden ganz charakteristisch eingebracht haben. Jeder mit ganz persönlichen Vorerfahrungen, jeder aber bewusst über das, was ihn geprägt hat. Jeder mit seiner ganz eigenen Motivation und doch teilen wir alle den Antrieb, die Neugier und Offenheit, die diffusen Begriffe Kunst und Kultur, sowie ihre Inhalte und Transfermöglichkeiten im kommenden Jahr zu entdecken.

Der geistige Reise auf die Konstantin uns mitnahm (bewusst oder unbewusst, gewollt, geplant oder nicht: in gleicher Weise ein wunderbarer Prozess, wie das ganze Stipendium selbst es sein soll), begann mit einer Vorstellung der Idee unseres Jahresprogramms sowie dem Umfang uns Sinn unserer Mitarbeit. Sie war gespickt von vielen Hinweisen und noch mehr Informationen über die verschiedensten Künstler und kulturellen Veranstaltungen. So erfuhren wir beispielsweise nach dem Thema „Referentenprotokolle“ etwas über Referententypen, sprachen über Kunsttypen und schließlich über den Kulturkreis mit seinen Aufgaben.

Anschließend an einige Informationen über den BDI und den Kulturkreis erzählte uns Konstantin von den verschiedensten Künstlern, später dann von seiner Faszination für Kunst, seiner Motivation, das Stipendium mit so viel Liebe und Engagement zu betreuen, fand dann wieder einen Zusammenhang zu unserem Programm und endetet mit einer abstrakten Vorwegnahme dessen, was uns im Rahmen unserer Studienarbeit erwarten wird. Er legte uns auch hier eine Offenheit, ein sich-treiben-lassen an Herz, betonte die Bedeutsamkeit des Prozesses , sich-selbst-in-dem Prozess-reflektieren und sprach von dem Ziel, den Prozess selbst zu der Arbeit werden zu lassen....viele von uns fanden noch nicht so recht die Bilder zu dem, was er da meinen könnte, wir verloren uns kurz, amüsierten uns darüber. Das Grinsen aber, welches sich aus Freude, Faszination und vielleicht auch leichter Ver-Wunderung auf unsere Lippen gelegt hatte, wich auch hier nicht: Konstantin hatte uns mit seiner assoziativ geleiteten Art, uns durch die Themen dieses Nachmittages zu führen unweigerlich einen Vorgeschmack gegeben, von all den „Themen, die zwar nicht unmittelbar auf dem Weg liegen, aber doch den Weg ausmachen“ -
ein unglaublicher roter Faden, den man erst auf den zweiten Blick entdeckt. Und ich glaube, ich kann für alle sprechen, wenn wir uns auf diesen Weg und diese Faden freuen.


Stefanie Beier: Kunstsammelnde Unternehmer

Noch etwas verschlafen machten wir uns am Sonntag Morgen auf den Weg nach Köln, um den Unternehmer und Kunstsammler Prof. Dr. Klaus Heubeck zu treffen.
Den Informationen aus vorheriger Recherche zufolge hatte ich bereits einige Erwartungen an seine Persönlichkeit – freundlich, jedoch bestimmt etwas unnahbar. Aus diesem Grund war ich dann doch sehr überrascht diesen sehr sympathischen, relativ aufgeschlossenen Herrn kennenzulernen, der uns aufgrund der Kälte ohne zu zögern in sein Haus einlud, wo wir seine Frau und seine Lageristin noch beim gemeinsamen Frühstück vorfanden.
Schon beim betreten des Hauses überkam mich das Gefühl, als befände ich mich in einer Galerie – weißer Marmorfußboden, ein schwarzer Flügel, schwere graue Vorhänge, perfekt ergänzt durch zahllose Gemälde und Skulpturen.
Wo auch immer man hinblickte entdeckte man etwas Neues. Die Farben, schwarz, weiß und grau, in sich stimmig sogar mit dem Mobiliar, gaben dem Raum trotz des hellen Fußbodens etwas sehr schweres, kühles, fast depressives. Die beiden Gemälde von Armando dominierten den Raum, der, so Heubeck, in bestimmten Zeitabständen vollständig umdekoriert würde – je nach dem aktuellen Geschmack der Hausherren.
Wir setzten die Führung durch den Garten fort, wo mich besonders die Dreibandscheibe von Martin Willing beeindruckte (http://www.martin-willing.de/) (ein Künstler von welchem wir später noch mehr Arbeiten zu Gesicht bekommen sollten) der insbesondere Skulpturen herstellt, die ihre „freie Beweglichkeit erlangen, durch Vorspannen des Materials entgegen der Richtung der Erdschwere“.
Nach einer Weile erreichten wir schließlich das Unternehmensgebäude, nur einige 100 Meter hinter Herrn Heubecks Villa. Schon vor dem Gebäude machte eine weitere Skulptur wiederum auf Heubecks Vorliebe für Kunstgegenstände aufmerksam, auch wenn uns diesmal die Wahl des Stückes, welches doch recht große Ähnlichkeiten mit einer Fernsehantenne aufwies, verwunderte (nach späterem erfahren des Preises dann noch mehr erstaunte). Aber über Geschmack läßt sich ja bekanntlich streiten.
Auch im Unternehmen selbst fanden wir wieder, wohin wir uns auch wandten Gemälde, Skulpturen, unter anderem ein sehr präzise geschichteter Bücherstapel (erinnert sich jemand an den Künstler?). Besonders in Erinnerung geblieben ist mir hier das überdimensional große Buch, bei welchem man in 1.20m Höhe die Seiten umblättern konnte, und jede Doppelseite ein neues Gemälde darstellte und damit auch die Raumatmosphäre ändert.
Die beiden Gemälde in der Eingangshalle, sowie auch die Skulptur, waren speziell für Heubeck und eben diesen Platz an dem sie sich befinden angefertigt worden.
Als die Frage nach der Motivation aufkam, die ihn veranlaßt habe seine Kunstleidenschaft auch in sein Unternehmen zu integrieren, nannte Heubeck jedoch primär: Eigeninteresse. Er fühle sich durch die Kunst, den Erwerb sowie sie um sich zu haben „kompletter“. Ob nun von ihm intendiert oder nicht, so fühlte zumindest ich mich sehr viel wohler in dem Gebäude durch die Kunst. Bei seinen Mitarbeitern sei seine Sammelleidenschaft zu Beginn auf Kritik gestoßen, was sich jedoch inzwischen bei vielen in Begeisterung und auch Stolz gewandelt hätte. Stolz darauf, der Familie, den Kindern, bei Besuchen im Unternehmen etwas über die einzelnen Stücke erzählen zu können. Wiederum, ob von Heubeck intendiert oder nicht, so schien es mir, daß die Identifikation der Mitarbeiter mit dem Unternehmen (und damit wahrscheinlich auch die Freude an der Arbeit), nun natürlich nur nach Heubecks Aussagen zu urteilen, durch die Kunst gestiegen ist.
Sehr erstaunte mich jedoch dann seine Aussage, daß er keinen der erworbenen Gegenstände wieder verkaufe, sondern in seinem persönlichen Lager aufbewahre.
Ohne zu zögern stimmte Heubeck dem Vorschlag von Dr. Zech, uns das Lager einmal zu zeigen, zu.
Auf dem Weg ins Lager stellte sich im Gespräch mit der Lageristin heraus, daß diese ebenfalls Kunst sammle. Jedoch mit einem sehr signifikanten Unterschied zu Herrn Heubeck entscheidet sie sich überwiegen rational (d.h. wird der Gegenstand zukünftig eine Wertsteigerung erfahren, dann lohnt es sich ihn zu kaufen) für Kunstgegenstände und versucht auch „sich nach oben zu tauschen“. Bei beiden, Heubeck und seiner Lageristin, ließ sich jedoch auch wieder das von Christian Jacobs bereits erwähnte Prinzip, „es muß weh tun, Kunst zu kaufen, ansonsten macht es keinen Sinn“ erkennen.
Im Lager fanden wir dann, nebst einer Miniatur Ausstellung von Willing Skulpturen, eine Vielzahl von „ausziehbaren Schränken“, die mit insgesamt 400qm Hängefläche Platz für Heubecks beeindruckende Sammlung an Gemälden bietet. Eine Reihe nach der anderen wurde nun herausgezogen, Namen von Künstlern und Preise genannt, so daß einem nach einiger Zeit der Kopf schwirrte und sich bei vielen von uns mehr und mehr der Eindruck festigte, daß Kunst für Heubeck reinen Konsum darstellt.
Sowie der gewöhnliche Durchschnittsbürger sich vielleicht Schokolade kauft, so schien es, kauft Herr Heubeck Gemälde und Skulpturen. Der Begriff „Raffgier“, den Heubeck selbst als (Haupt-)Grund für viele seiner Käufe genannt hatte, beschreibt sehr präzise das Gefühl, welches uns im Lager nach einer Weile überkam.
Auf der einen Seite machte ihn mir seine Ehrlichkeit mit der er über seine Motivationen sprach Kunst zu kaufen, sehr sympathisch, menschlich und glaubhaft. Auf der anderen Seite jedoch schockierte dann doch die Maßlosigkeit, mit der er Kunst konsumiert.
Betrachtet man ausschließlich den Aspekt, „Kunst als persönlicher Konsum“ (wie andere sich beispielsweise Autos anschaffen) ist es eine relativ harmlose Leidenschaft, die natürlich gezielt bestimmte Künstler unterstützt und insofern vielleicht zumindest noch sinnvoller ist als die Obsessionen manch anderer. Auch wenn sich natürlich die Frage stellt, nach welchen Kriterien Herr Heubeck die Künstler auswählt, die er unterstützt, außer das diese „sich ernsthaft und glaubwürdig ihrer Arbeit widmen müssen“.
Wie sich in unserer späteren Diskussion zeigte machten uns aber vor allem die finanziellen Dimensionen in denen sich Herrn Heubecks „Kunstkonsum“ bewegt, etwas zu schaffen, da er natürlich seine Mittel für die Allgemeinheit oder wohltätige Zwecke wesentlich sinnvoller einsetzen könnte.
Alles in allem hat mich auch dieser Tag des Stipendiums wieder einmal sehr beeindruckt, und uns viel Stoff zum nachdenken und diskutieren gegeben.


Susanne Ebert: Protokoll zum Treffen der Bronnbacher Stipendiaten mit WolfgangZinggl von WochenKlausur in Mannheim (11.-12.10.2008) 

Am 11. und 12. Oktober 2008 begegneten wir Bronnbacher Stipendiaten inMannheim Wolfgang Zinggl, der 1993 mit seiner Ausstellung "11 Wochen in Klausur"die WochenKlausur ins Leben gerufen hat. Das Selbstverständnis der Gruppe ist es,Kunst in Form sozialer Interventionen zu schaffen. WochenKlausur schlägt aufEinladung verschiedener Kunstinstitutionen Veränderungen gesellschaftspolitischerDefizite vor und setzt diese um. (Mehr dazu findet sich auf den Internetseiten vonWochenklausur: www.wochenklausur.at .)

Einen Zugang zur Interventionskunst der WochenKlausur gewährte uns WolfgangZinggl auf zweierlei Art und Weise: zuerst, indem er uns das Projekt vorstellte undsich unseren Fragen stellte; schließlich, indem er uns selbst in die Rolle desInterventionskünstlers warf und uns dazu aufforderte, eigene soziale Defizite inMannheim zu identifizieren und Vorschläge für deren Beseitigung zu entwickeln.Schon in der ersten Gesprächsrunde konnte man sehen, wie begeistert viele von unswaren vom Engagement Wolfgang Zinggls und den Projekten der WochenKlausur.Deutlich flammte aber auch die alte, vielleicht sogar schon lästig gewordene Fragewieder auf nach dem, was Kunst überhaupt ist. Was unterscheidet dieWochenKlausur von Sozialarbeitern und erhebt sie zu Inventionskünstlern?

Unsere eigene Begegnung mit der Inverventionskunst moderierte Wolfgang Zingglgekonnt - und manchmal konnte man denken, dass nicht ein waschechter Künstler,sondern ein Managementtrainer vor uns saß. In einer ersten Runde stellte jeder vonuns einen Projektvorschlag vor. Die Vorschläge kondensierten sich dann in derDiskussion zu drei großen Themenbereichen:

der Entwicklung einer Plattform, welche Menschen mit Interesse an ehrenamtlichem Engagement zusammenbringen soll
der Entwicklung eines pädagogischen Konzepts zur Förderung von Umweltbewusstsein in Grundschulen
der Gründung einer Begegnungsstätte mit weitläufigen Aktivitäten in einem sozialen Brennpunkt Mannheims
In Gruppen arbeiteten wir diese Themenbereiche weiter aus und hatten dabei daraufzu achten, dass die Projekte verwirklichbar sind und trotzdem nachhaltig.

Auch diese zweite Begegnung mit der Interventionskunst entfachte Begeisterung,ließ aber wohl immer noch die Frage offen nach der Kunst dessen, was wir geradegetan hatten.

Wenn uns am Ende auch leider die Zeit (oder das Engagement) fehlte, unsereVorschläge in die Tat umzusetzen, wir also auf der Redensseite stehen gebliebensind und nicht gewagt haben, die Schwelle zur Tunsseite zu überschreiten, so hatuns dieser Nachmittag doch neue Erfahrungen eingebracht. Gedanklich haben wirGrenzen eingerissen und vorgespürt, wie sich Veränderung anfühlt. Gedanklich sindwir neue Wege gegangen und haben mit einem Schuss Fantasie und einem SchussRealismus in kürzester Zeit neue Projekte erfunden. Ob das Kunst ist, weiß ich immer noch nicht. Wie wichtig die Frage ist, allerdings auch nicht.


Theresa Baumgärtner: Tanzwochenende mit Sasha Waltz


Es ist Freitag, der 13. Februar 2009. „Freitag, der 13.“ Das klingt ein bischen abergläubisch. Nun, es erwartete uns ein wundervoller, strahlender Tag unter blauem Himmel in der Hauptstadt. Ich war schon am Vortag nach Berlin gereist und freute mich riesig, die Bronnbacher am Bahnhof in Empfang zu nehmen. Es war unser erstes Treffen nach der großen Winterpause und die Begeisterung und Energie war bei allen zu spüren.
An erster Stelle unseres Programms stand die Teilnahme bei einer Probe von Sasha Waltz. Sie wird als Deutschlands derzeit erfolgreichste Tanzschaffende und stärkstes choreographisches Talent bezeichnet.
Wir sollten uns um 15:30 Uhr mit Konstantin Adamopolous an der Schranke, Bodestraße 1 treffen.

Die „Schranke“ führte uns schließlich auf eine Baustelle und in mir kam zunächst das Gefühl auf, etwas „Verbotenes“ zu betreten. An solch einem Ort hatte ich mir eine Ballettprobe nicht vorgestellt. Der Pförtner führte uns über ein paar Holzbretter zu einem großen Eingang. Vor uns erhob sich ein beeindruckender Palast mit hohen Säulen, das neue Museum. Es wird offiziell erst am 16. Oktober 2009 eröffnet, aber wir hatten die einmalige Ehre, die Räume des neuen Museums schon vor der Eröffnung betreten zu dürfen. Yoreme Waltz, eine kleine, kecke Frau in Jeans, Turnschuhen und dunkelblauem Blazer empfing uns am Eingang. Sie ist die Schwester von Sasha Waltz und sollte uns zur Tanzprobe begleiten. Die große Holztüre wurde geöffnet und wir durften eintreten. Es roch nach neuem Holz, frischer Farbe und Staub der letzten Renovierungsarbeiten. Eine ganz besondere und kaum beschreibbare Atmosphäre nahm mich an diesem Nachmittag ein und lässt mich bis heute nicht los. Yoreme führte uns zu den Tänzern in einen großen, Licht durchfluteten Raum auf der ersten Ebene. Auf dem Boden wälzte sich eine Gruppe von Personen in, meiner Meinung nach, etwas zerlumpt aussehenden Jogginganzügen. Außer den beeindruckenden Tanzbewegungen unterschieden sie sich äußerlich kaum von den Arbeitern. Sie waren genauso weiß vom Staub, wie die Arbeiter, die mit Werkzeug, Pinsel und Farbe die Räume durchquerten und auf großen Gerüsten den letzten Schliff vollbrachten.

Nach einer halben Stunde gingen wir über die große Treppe ins obere Stockwerk. Wir teilten uns und jeder ging seinen eigenen Weg durch die Räume, in denen mal mehrere, mal nur ein einzelner Tänzer sich zur Atmosphäre des Raumes bewegte. Zu diesem Zeitpunkt stand die Sonne bereits sehr tief und tauchte manche Fresken und Wandmalereien in ein tiefes oranges Licht.

Yoreme Waltz: „Jeder Tänzer hat zwei Szenen und einen festen Raum.“
Die jeweilige Choreografie entfachte manchmal starke Unruhe, dann herrschte hinter der nächsten Tür wieder Stille, die die Ausstrahlung des Gebäudes für mich teilweise sogar noch intensivierte. Jeder Raum brachte auf diese Weise seine eigene Choreographie hervor.

Während wir von einem Raum zum nächsten gingen, von einer Stimmung zur anderen wanderten, kam immer wieder die Frage auf: „Muss ich bleiben? Was verpasse ich, was sehe ich? Wie kann man sich auf die einzelne Geschichte einlassen?“ Man konnte so viel aufsaugen...
Dies war sicherlich Eines, was diese besondere Atmosphäre ausmachte. Es war als vereinte sich in diesem Abendlicht das noch unvollendete Gebäude mit den Tänzern, Renovierungsarbeitern und uns.

Nach der Probe setzten wir uns zu einem gemeinsamen Gespräch mit Sasha Waltz und ihrer Schwester zusammen. Ich habe das Gespräch in meinem Protokoll nach Themen aufgeteilt.

Aufbau einer Choreografie

Sasha Waltz formuliert ihre Ziele am Liebsten in der Gemeinschaft. In der Zusammenarbeit sind schon immer viele neue Sachen entstanden, denn die Intelligenz der Gruppe ist stärker als die des Einzelnen.
Ihr Prinzip lautet daher „Gruppen entwickeln.“
Dafür müssen zunächst Fragen geklärt werden wie „Welche Menschen werden zusammenarbeiten, welche Qualitäten werden sie sich geben?“
Eine Gruppenchoreografie muss gebaut werden. „Es ist so, als wenn man jede einzelne Statue in Bewegung bringt.“ Sasha spricht dabei auch vom Akt des „Verschnürens,“ indem jeder Einzelne eine Aufgabe hat. Durch Prozessarbeit werden die unterschiedlichen Gruppen später wie ein Körper auf der Bühne.
Basis dieser Arbeit ist die Improvisation.

Hier stellte sich für uns zunächst die Frage nach dem Unterschied zwischen dem Improvisieren und dem Choreografieren, letzteres auch „Bildhauen" genannt.
„Improvosieren bedeutet“, so Sasha Waltz, „dass man von innen heraus arbeitet und Material entwickelt. Choreographieren heißt: man kann den Tänzer auch als Granitblock betrachten. Man behaut ihn und haut so seine ästhetischen Elemente heraus.“
„In einer Recherchephase entwickelt sie zunächst eine Art ‚Fragenkatalog,’ einen ‚Visionsraum’ innerhalb dessen sie ihre Tänzer später improvisieren lässt. Dabei stehen die ‚Wahrhaftigkeit der Bewegung’ und der ‚ehrliche Kontakt der Körper zueinander’ im Vordergrund und nicht etwa vordefinierte ästhetische Erfahrungen.“ (Michaela Schlagenwerth)

Im Gespräch über die Improvisationsarbeit in der Gruppe verwendete Sasha Waltz sehr oft das Wort „Kontaktimprovisation.“ Es geht dabei um die Frage: „Was passiert während der Arbeit in den einzelnen Körpern?“ Der ständige Dialog und ein konstantes Feedback sind für die Prozessarbeit in der Gruppe unabdingbar. „Offenheit im Arbeiten geht nur, wenn man Vertrauen hat,“ erzählt uns Anja Schmalfuß am nächsten Morgen.

Sasha Waltz teilt uns mit, dass sie sehr oft gezwungen ist, viele Dinge zu verwerfen und sich immer neuen Gegebenheiten offen halten muss. Sie ist Spezialistin in der Kunst des Weglassens, darin die Essenz zu finden und Dinge auf den Punkt zu bringen. Ihre Schwester fügt an dieser Stelle hinzu: „Letztendlich ist die Arbeitssituation immer eine Krisensituation. Die Suche, die permanente Neugier etwas Neues voranzutreiben.“
Die Offenheit und Neugier, aber auch die Risikobereitschaft scheinen sich wie ein Erfolgsrezept durch die Arbeit von Sasha Waltz zu ziehen. Ich denke wir sollten uns ihr folgendes Zitat mit auf den Weg nehmen: „Man muss immer offen sein, dass man etwas verändert.“
Auch Anja Schmalfuß spricht uns am nächsten Morgen auf dieses Thema noch einmal an. „Man macht sein Kerngeschäft mit ganz viel Offenheit nach außen. Immer wieder neu orientieren! Man weiß manchmal nicht, wie der Plan aufgeht. Viele Entscheidungen werden in der Debatte getroffen. Eine hohe Flexibilität ist wichtig.“ Sie verweist uns an dieser Stelle auf das Buch „Kopf schlägt Kapital“ von Prof. Dr. Günter Faltin.

Yochen Sandig (Geschäftsführer und künstlerischer Leiter des Radialsystems) gibt uns sein Prinzip des „Updating“ mit auf den Weg: „Man muss sich immer wieder neu erfinden, innovativ, kreativ, radial sein.“

Nach dem wir uns am Freitagabend das Stück „Impromptus“ angesehen hatten, setzten wir uns noch einmal mit Yoreme Waltz im Foyer des Radialsystems bei einem Schluck Wein zusammen, um über die Themen des Stückes zu sprechen.

Balance

Balance ist das Grundthema für das Stück und für den Körper der einzelnen Tänzer und ist ganz unterschiedlich auf das Stück verteilt. Nun, wie entsteht Balance zwischen zwei unterschiedlichen Körpern? Ein Beispiel dafür wäre die Szene, in der ein Tänzer einen anderen Tänzer für 10 min hält, ohne ihn zu berühren. Balance entsteht, wenn zwei Menschen zueinander kommen und sich mit der Schwerkraft bewegen. Das Gewicht wird verteilt, beide tragen. Aber wie wird Gewicht verteilt, wie wird Verantwortung verteilt?
Verantwortung spielt für den Balance-Akt eine unglaublich große Rolle. „Sasha“, erzählt uns ihre Schwester, „ist z.B. sehr frei. Sie gibt viel Verantwortung ab und bringt andere in die Verantwortung, Sachen zu organisieren. Dies kann sehr erfrischend sein. Den anderen spüren, in einem Geben und Nehmen entwickeln. Wenn sich der andere fallen lässt, muss der andere da sein und sich anspannen und umgekehrt. Man kann sich tragen lassen, auch wenn man schwer ist. Ohne Vertrauen geht nichts! Man muss vielen Menschen vertrauen.“

Elemente und die Schaffung von Bildern

Elemente spielen in „Impromptus“ eine große Rolle. Es geht um die Auseinandersetzung mit den Elementen als solche, um die Farbigkeit. Die Pigmente im Zusammenspiel mit Wasser ergeben Bilder. „Man kann nicht jedes Bild für jeden stimmig erklären“, erklärt uns Yoreme. „Jeder hat andere Assoziationen. Es gibt keine Vorgabe, wie etwas verstanden werden soll. Es ist ein Bild, ein Angebot. Du kannst das Angebot annehmen oder nicht.“ So rief das herunter laufende Wasser bei manchen von uns z.B. die Assoziation „Blut“ hervor. Lena musste beim Zusammenspiel der Farben an die Nationalflagge denken. Yoreme Waltz sagte dazu: „Wir arbeiten Bilder. Es ist Teil unseres Selbstverständnisses, in den Zuschauern Bilder zu schaffen.“ Hier stellt sich für mich die Frage, in wie weit die Dramaturgie den Zuschauer tatsächlich steuern kann und welches Ausmaß diese Steuerung nehmen sollte.

Neben den Farbelementen tauchten plötzlich auch ganz theatrale Elemente auf, wie die Gummistiefel- oder die Badewannen-Szene. Dies sind sehr abstrakte Bilder. „Sie sind eher wie Musik. Was sie erzählt, erzählt sie nur dir. Es ist ein Inhalt, der in Sprache nicht vorkommt, der in Musik vorkommt, in Tanz vorkommt.“

Der Zusammenhang von Musik und Tanz

Wie unabhängig sind beide? „Sashas Duette sind ohne Musik entstanden“, erzählt uns Yoreme. Die Autonomie der Mittel ist eine Herausforderung. Sasha Waltz arbeitet sehr stark aus der eigenen Stille heraus, aus der eigenen Musik des Körpers. Sie arbeitet aus der Improvisation in die Choreografie.

„Ich will zurück zu meiner Quelle, zudem, warum ich Kunst mache, tanze, choreographiere. Ich selbst, mein Körper, meine Wahrnehmung sollen wieder Ausgangspunkt werden.“ (Sasha Waltz)

Dennoch kommt die Frage auf: „Müssen dabei nicht entweder Tanz oder Musik zurückgenommen werden? An welcher Stelle entsteht beim Tanz eine Abhängigkeit von Musik?“ Yoreme sagt dazu nur „Freiräume schaffen!!“

Tanz als Sprache?

Der Tanz als Kunstform ist eine andere Narration als Sprache. Seine große Chance das Nichtsprachliche. Er kann mehr erzählen als Wörter, da man mit und durch Tanz etwas sehr deutlich ausdrücken kann. Jedoch kann diese Eigenschaft genauso auch auf Verständnislosigkeit stoßen.
Yoreme macht uns darauf aufmerksam, dass es nicht viel zeitgenössischen Tanz in Deutschland gibt. In Berlin sei Sasha Waltz & Guests z.B. die einzige Institution für zeitgenössischen Tanz. Es ist eine jüngere Kunstform, die sich viel stärker behaupten muss als z. B die bildende Kunst. Letztendlich hat der zeitgenössische Tanz Probleme, sich in diesem Kontext zu behaupten, weil er nicht sprachlich ist. Er wird in einer anderen Weise ernst genommen.

Yoreme gibt uns daher noch ein paar Tipps für ein besseres Verständnis der Branche: „Loslassen können, einfach zuschauen. Man kann das Thema nicht genau auf den Punkt bringen und muss Balance halten können zwischen Assoziation und dem was konkret passiert ist. Für sich selbst Themen geben. Man muss Vertrauen haben zu seinem eigenen ästhetischen Urteil. Und es macht sehr viel Spaß, wenn man vor der Vorstellung gar nichts weiß.“

Mir persönlich wurde nach unserem Tanzworkshop am Samstagnachmittag im Radialsystem der zeitgenössische Tanz sehr viel klarer und verständlicher, weil ich selbst die Bewegungen besser nachempfinden konnte.

 

 

 

 

  

Вокруг нее стоял ореол зеленого света, а "malwarebytes anti malware portable" дождь барабанил так, будто на крышу и в окна швыряли гравий.

Ведь не даром кто-то затратил огромное количество энергии, чтобы создать этот клубок заклинаний.

К тому же он намекнул, если Грин-Грин решит когда-нибудь вернуться на Мегапею, то его будет ждать здесь большой сюрприз.

Позволил кусочкам упасть на землю и зашагал дальше.

У их нации только один недостаток мужчины слишком любят женщин.

Алиса осторожно сняла записку; голубь, счастливо воркуя, взлетел на крышу и, склонив голову набок, принялся изучать шумную толпу, заполнившую его "Новый учебный словарь фразеологии современного англ. языка" пустовавшие доныне владения.